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Die Flutlichtanlage im Stadion von Weiersbach glühte am Samstagabend fast so hell wie die Gesichter der 4540 Zuschauer, die Zeugen eines dieser Fußballabende wurden, über die man in der Vereinsgaststätte noch wochenlang spricht. Der SV Weiersbach besiegte den VfB Speldorf mit 2:1 (1:0) - und zwar in letzter Minute, durch einen 17-jährigen, der kaum alt genug ist, um seinen Führerschein zu machen. Es war ein Spiel, das alles bot: jugendliche Unbekümmertheit, taktische Disziplin, ein Torwartwechsel zur Halbzeit und eine Gelb-Rote Karte, die fast alles zunichte gemacht hätte. Doch am Ende jubelte die Mannschaft von Detlef Meister, während Speldorfs Trainer Jakob Meier mit einer Miene zwischen Fassungslosigkeit und stillem Respekt in Richtung des Schiedsrichters nickte. "So ist Fußball - manchmal lacht man, manchmal blickt man nur leer in den Nachthimmel", murmelte er anschließend. Weiersbach begann druckvoll - 13 Torschüsse sprechen eine klare Sprache, während Speldorf mit deren zwei kaum gefährlich wurde. Schon in der sechsten Minute prüfte Luca Fumagalli den Speldorfer Keeper Stephan Karl mit einem satten Linksschuss. Wenig später zappelte Diego Tiago ungeduldig an der Mittellinie, rief seinen Mitspielern "mehr Tempo!" zu - eine Szene, die zeigte, dass der 17-Jährige kein gewöhnlicher Nachwuchsspieler ist. Das 1:0 fiel in der 34. Minute, als Innenverteidiger Ricardo Costinha einen Eckball per Kopf in die Maschen wuchtete. Der Assist kam - natürlich - von Tiago, der zuvor mit einer Drehung gleich zwei Gegenspieler stehenließ. "Ich hab’ einfach draufgehalten, weil ich wusste, Ricardo ist irgendwo da hinten", grinste der Teenager später, als Reporter ihn in der Mixed Zone befragten. Costinha fügte trocken hinzu: "Das war kein Zufall. Der Junge hat Instinkt." Kurz vor der Pause wurde es hitzig: Rechtsverteidiger Isaac Millington sah erst Gelb (17.), dann kurz vor der Halbzeit seine zweite Verwarnung - allerdings noch knapp vor der Pause durch eine unbedachte Grätsche, die der Schiedsrichter großzügig übersah. Trainer Meister reagierte trotzdem: "Ich hab’ ihm gesagt, er soll zur Halbzeit duschen gehen - leider hat er mich falsch verstanden und blieb auf dem Platz." Das Missverständnis rächte sich, als Millington in der 74. Minute doch noch Gelb-Rot sah. Speldorf witterte in Unterzahl Morgenluft, doch die Statistiken lügen nicht: Ballbesitz fast ausgeglichen (50,8 zu 49,2 Prozent), aber Weiersbach gewann 56,6 Prozent der Zweikämpfe. Für kurze Zeit schien das Spiel zu kippen. In der 89. Minute gelang Javier Manu nach Vorlage von Lasse Rose der Ausgleich - ein satter Schuss aus 16 Metern, unhaltbar in den Winkel. Auf der Speldorfer Bank tanzten die Ersatzspieler kurz Polka, und Trainer Meier rief: "Jetzt holen wir’s!" Doch Weiersbach hatte andere Pläne. In der Nachspielzeit, als die Zuschauer bereits über ein Unentschieden philosophierten ("Hauptsache, wir haben gekämpft", hörte man von der Tribüne), startete Costinha einen letzten verzweifelten Angriff. Ein weiter Ball, halb Befreiungsschlag, halb göttliche Eingebung - und Diego Tiago sprintete los. Der 17-Jährige nahm den Ball mit der Brust, legte ihn sich vor und schob ihn eiskalt am herausstürzenden Karl vorbei. 2:1. Stadion-Ekstase. "Ich hab gar nicht nachgedacht", sagte Tiago später, noch immer mit weit aufgerissenen Augen. "Ich dachte, der Schiri pfeift eh gleich ab." Trainer Detlef Meister umarmte ihn lachend: "Wenn er das jetzt jede Woche so macht, muss ich ihn irgendwann adoptieren." Der VfB Speldorf versuchte in den letzten Sekunden noch einmal alles, aber der Ballbesitz blieb wirkungslos. Zwei Schüsse aufs Tor in 90 Minuten - das war zu wenig, um Weiersbach ernsthaft zu gefährden. "Wir wollten nicht überhastet schießen", erklärte Meier, "dummerweise haben wir’s dann gar nicht getan." Als der Schlusspfiff ertönte, lag Tiago auf dem Rasen, die Arme ausgebreitet, während Fumagalli ihm lachend das Trikot über den Kopf zog. Die Fans sangen, die Ersatzbank tobte, und irgendwo auf der Tribüne rief jemand: "Der Junge ist 17, und ich sitz hier mit ’nem Bier!" Ein Abend, der zeigt, warum Fußball so geliebt wird: weil er immer wieder Geschichten schreibt, die kein Drehbuchautor besser erfinden könnte. Und wenn man Trainer Meister glauben darf, war das noch lange nicht das letzte Kapitel. "Wir haben heute gesehen, dass Mut manchmal wichtiger ist als Erfahrung", sagte er zum Abschied - und grinste: "Aber ein bisschen Glück hat auch nicht geschadet." Am Ende blieb nur das Echo der Fangesänge über dem Stadion von Weiersbach - und der Gedanke, dass an diesem 23. Spieltag der Regionalliga C ein 17-Jähriger zum Helden wurde. 24.10.643987 01:38 |
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Wir fahren hin, hau'n die weg und fahren wieder zurück.
Peter Neururer