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Es war ein lauer Samstagabend in Tel Aviv, aber auf dem Rasen des Bloomfield-Stadions kochte die Luft. 27.000 Zuschauer sahen ein Spiel, das mit Statistik allein kaum zu erklären ist: Kiryat Shmona FC hatte mehr Torschüsse, mehr Zweikämpfe gewonnen und phasenweise sogar die bessere Spielanlage - und trotzdem jubelten am Ende die Tel Aviv Yellows über ein 2:1 (1:1). Dabei begann alles ganz nach dem Geschmack der Gäste. In der 16. Minute stocherte der quirlige Pascal Bernard einen Abpraller über die Linie - assistiert vom umtriebigen David Albanese, der sich zuvor durch das Mittelfeld gedribbelt hatte, als wolle er die Abwehr der Yellows hypnotisieren. "Ich hab nur den Fuß hingehalten", grinste Bernard nach dem Spiel, "aber ich nehm’s!" Die Antwort der Gastgeber ließ nicht lange auf sich warten. Neun Minuten später donnerte Jean Lamarliere, der schon länger als halbes Maskottchen in Tel Aviv gilt, das Leder aus 20 Metern in den Winkel. Der Pass kam - man mag es kaum glauben - von Innenverteidiger Chaim Galili, der sich offenbar kurzzeitig für einen Spielmacher hielt. "Ich wollte eigentlich nur klären", gab Galili hinterher lachend zu, "aber Jean hat mich zum Genie gemacht." So stand es 1:1 zur Halbzeit, und während Kiryat Shmona-Trainer Marius MüRo mit grimmiger Miene in die Kabine stapfte, wirkte das Heimteam erstaunlich gelassen. "Wir wussten, dass sie müde werden", sagte Yellows-Coach (dessen Name in diesem Bericht wohlweislich nicht genannt wird, weil er nach eigener Aussage "nicht für Schlagzeilen, sondern für Punkte" da ist). Und er sollte recht behalten: In der 51. Minute schlug Ruben Nani zu. Nach einem schnellen Flügellauf von Luke Carmody drosch der Rechtsaußen den Ball humorlos ins kurze Eck - 2:1, und das Stadion bebte. Es war einer jener Momente, in denen Fans kollektiv verlernen, wie man ruhig sitzt. Doch das Spiel war noch lange nicht entschieden. Kiryat Shmona rannte an, als gäbe es doppelte Punkte für Ballbesitz. Insgesamt kamen sie auf satte 16 Torschüsse - fünf mehr als die Gastgeber -, aber Keeper Branislav Krasic hielt, was zu halten war. Und wenn er nicht hielt, flog der Ball knapp über die Latte oder prallte an die Brust eines Verteidigers. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", murmelte Krasic später, "Hauptsache, keiner ging rein." In der 67. Minute wurde es dann wild: Chaim Galili, der Held des ersten Tores, verwandelte sich in den tragischen Clown des Abends. Nach einem rustikalen Einsteigen im Mittelfeld sah er glatt Rot. "Er traf mehr Bein als Ball", kommentierte der Stadionsprecher trocken - und Galili verschwand kopfschüttelnd in den Katakomben. Doch selbst in Unterzahl verteidigten die Yellows mit einer Mischung aus Herz, Glück und Improvisation. Die Gäste warfen alles nach vorne - Pascal Bernard, Stefan Borimirow, sogar Rechtsverteidiger Lewis Donovan durfte in der Nachspielzeit noch aufs Tor schießen. Aber nichts fand den Weg ins Netz. "Wir hätten heute zehn Tore schießen können", klagte MüRo nach dem Spiel, "aber anscheinend war das Tor zu klein oder unser Ball zu groß." Seine Spieler nickten betreten. Auf der anderen Seite trällerten die Fans der Yellows bereits Siegeslieder, während Ruben Nani dem Reporterteam zuraunte: "Wir mögen’s dramatisch - ist besser fürs Fernsehen." Statistisch gesehen war es ein ausgeglichenes Spiel: 50,2 Prozent Ballbesitz für Tel Aviv, 49,8 für Kiryat Shmona. Ein Unterschied, der nur auf dem Papier existierte, aber am Ende zählte eben das, was auf der Anzeigetafel stand - 2:1. Vielleicht wird man diesen Abend nicht als fußballerisches Meisterwerk in Erinnerung behalten, aber ganz sicher als Lehrstück in Sachen Leidenschaft und Nervenstärke. Oder, wie es Jean Lamarliere so schön formulierte: "Wenn du gewinnen willst, musst du manchmal einfach alles vergessen - Taktik, Statistik, Schönheit. Nur das Tor darfst du nicht vergessen." Und so endete ein hitziges Duell mit einem Ergebnis, das keiner so richtig erklären konnte - außer mit dem altbekannten Fußballgesetz: Wer seine Chancen nicht nutzt, der wird bestraft. In diesem Fall von einem Team, das selbst in Unterzahl noch aufrecht stand. Tel Aviv Yellows 2, Kiryat Shmona FC 1 - ein Abend voller Schweiß, Emotionen und jener Momente, die den Fußball so herrlich unberechenbar machen. 26.04.643997 00:22 |
Sprücheklopfer
Bei diesem Schiedsrichter hätte auch unser Busfahrer eine gelbe Karte bekommen.
Rainer Calmund