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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob in der Kabine der Pausentee vielleicht vertauscht wurde. Der Samstagabend im Maracanã, an dem CF Flamengo gegen UD Teresina mit 2:3 verlor, war so einer. 49.719 Zuschauer sahen ein Spiel, das alles hatte: Tempo, Tore, Gelbe Karten - und einen kollektiven Blackout der Gastgeber nach dem Seitenwechsel. Dabei fing alles an wie gemalt für Trainer Dino Ma und seine Mannen. Flamengo legte los, als wolle man schon zur Halbzeit alles klar machen. Emilio Helguera prüfte in der sechsten Minute erstmals Gästetorwart Tibor Tataru, Filipe Gama und Aki Ukkonen feuerten aus allen Lagen. In der 31. Minute dann die verdiente Führung: Der junge Bo Christiansen legte mustergültig auf, und Fernando Coelho schob überlegt zum 1:0 ein. Die Tribünen bebten, die Fans sangen, und Coelho grinste später: "Ich hatte so viel Zeit, dass ich fast noch das WLAN-Passwort gesucht hätte." Kurz vor der Pause legte Flamengo nach. Mario Berjon schickte den 20-jährigen Finnen Aki Ukkonen steil, der mit der Abgebrühtheit eines Routiniers zum 2:0 traf (45.). "Da dachte ich, das wird heute ein Spaziergang", murmelte Trainer Ma nach dem Spiel - und fügte trocken hinzu: "War’s aber nicht." Denn kaum hatte die zweite Halbzeit begonnen, stand die Partie Kopf. UD Teresina, bis dahin defensiv wacklig und nach vorne harmlos, kam aus der Kabine wie verwandelt. Kaum hatte der Schiedsrichter angepfiffen, zappelte der Ball im Netz. Loris Fadda traf in der 46. Minute nach feiner Vorlage des agilen Jari Kuqi - 2:1. Drei Minuten später schlug Thomas Pilat zu, nach Pass von Antonio Varela. 2:2 - und plötzlich herrschte Grabesstille in der Kurve der Rubro-Negros. Flamengo taumelte, Teresina spielte. Die Gäste hatten nun mehr Ballbesitz (am Ende 51,4 Prozent), wirkten frischer, entschlossener. In der 57. Minute kam es noch dicker: Wieder war es Kuqi, diesmal nach Doppelpass mit Varela, der das Spiel komplett drehte - 2:3. Drei Tore binnen elf Minuten, und das in Rio de Janeiro - mancher Fan von UD Teresina dürfte sich verwundert die Augen gerieben haben. Flamengo versuchte es mit Wut und Wille, aber auch mit wachsender Verzweiflung. Emilio Helguera schoss alles an, was sich bewegte - leider auch den eigenen Mitspieler. Insgesamt 17 Torschüsse verzeichneten die Gastgeber, viele davon aus der Kategorie "hoffnungsvoll". Teresina blieb effizient: elf Schüsse, drei Tore. Dann folgte die Phase der Karten und Auswechslungen. In der 58. Minute sah Carl Antunes Gelb, zwei Minuten später traf es Flaminhos Rechtsverteidiger Cesar Poncela. Trainer Ma reagierte in der 72. Minute und brachte Afanasi Tscherepanow für Poncela - ein Wechsel, der mehr symbolischen Charakter hatte. "Ich wollte einfach jemanden sehen, der noch glaubt", sagte Ma später mit einem schiefen Lächeln. UD-Trainer Tobias Lang hingegen blieb seelenruhig an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, als hätte er den Spielverlauf geplant. "Wir wollten schon in der ersten Halbzeit treffen", witzelte Lang nach dem Abpfiff, "aber anscheinend brauchten wir erst ein bisschen Drama." Die letzten Minuten gehörten wieder Flamengo - zumindest optisch. Bo Christiansen versuchte es in der Nachspielzeit noch einmal mit einem Distanzschuss (95.), doch Tataru im Teresina-Tor pflückte den Ball herunter wie eine überreife Mango. Als der Schlusspfiff ertönte, lag in der Luft eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Bewunderung. Teresina hatte das Maracanã erobert, Flamengo war um eine bittere Lektion reicher. "Wir haben aufgehört, einfach zu spielen", gestand Kapitän Fabio Barbosa, "und das ist im Fußball immer eine Einladung an den Gegner." Statistisch betrachtet war die Partie ausgeglichen: 48,6 Prozent Ballbesitz für Flamengo, 51,4 für Teresina, eine nahezu identische Zweikampfquote (52 zu 48). Doch die entscheidende Zahl stand auf der Anzeigetafel: 2:3. Vielleicht war es auch eine Frage der Haltung. Während Flamengo in der zweiten Hälfte mit offenem Visier, aber ohne Orientierung stürmte, blieb Teresina kühl und präzise - ein bisschen wie ein Uhrmacher, der die Fehler des anderen geduldig korrigiert. "Das war ein erwachsener Auftritt", lobte Tobias Lang seine Mannschaft - und schob mit einem Grinsen nach: "Wenn wir jetzt noch lernen, die erste Halbzeit zu spielen, wird’s gefährlich." Für Flamengo bleibt die Erkenntnis, dass selbst ein 2:0-Pausenvorsprung im Fußball kein Ruhekissen ist. Oder, wie Dino Ma es formulierte: "Man kann 45 Minuten lang schön aussehen - und dann in elf Minuten alles verlieren." Vielleicht war das die ehrlichste Analyse des Abends. 10.06.643990 21:39 |
Sprücheklopfer
Ein Lothar Matthäus kann es sich nicht leisten, sich zu blamieren.
Lothar Matthäus