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Ein Abend, an dem die Statistik lügt - und zwar schamlos. 59.000 Zuschauer im Old Trafford-Ersatztempel sahen am Mittwochabend ein Spektakel, das in die Kategorie "unglaublich, aber wahr" fällt. Die Manchester Devils verloren 3:4 gegen die Bristol Pirates, obwohl sie mehr Ballbesitz (fast 60 Prozent), mehr Torschüsse (13:10) und, wie Trainer Reto Klopfenstein später betonte, "eigentlich das bessere Drehbuch" hatten. Nur: Fußball schreibt seine eigenen Enden - und diesmal mit Piratensäbel. Schon in der 10. Minute stach Bristol zu: Everhart Derrick, der linke Wirbelwind der Gäste, schlenzte den Ball nach Vorarbeit von Owen Hannigan so präzise ins Eck, dass Devils-Keeper George Boyle nur hinterherschaute wie ein Tourist auf der Fähre. "Ich dachte, der Ball segelt vorbei", murmelte Boyle später und seufzte, "aber er segelte halt ins Netz." Die Devils antworteten prompt. Manuel Pastorino, stets bemüht, das Mittelfeld zu ordnen, traf in der 23. Minute nach einem Kopfballzuspiel von Innenverteidiger Tobias Ludwig. Das Stadion jubelte, die Pyrofunken loderten - doch die Freude währte exakt zwei Minuten. Bristol-Youngster Julio Costa, eigentlich rechter Verteidiger und vermutlich selbst überrascht, dass er sich da vorne wiederfand, knallte den Ball in der 25. Minute flach ins Eck. "Der Trainer sagt immer, ich soll Mut haben", grinste Costa nach dem Spiel. "Also hab ich einfach geschossen. Einmal darf man ja." Spätestens als Everhart Derrick in der 35. Minute zum zweiten Mal traf, diesmal nach einem sauberen Doppelpass mit Ragip Gürsoy, schien klar: Die Pirates waren gekommen, um Beute zu machen. 3:1 zur Pause - und das gegen ein Manchester-Team, das eigentlich "balanciert" eingestellt war, wie es so schön in der Taktiktafel steht. Klopfenstein dagegen sah’s nüchtern: "Balanciert? Vielleicht zu sehr auf der falschen Seite." In der Kabine muss es laut geworden sein. Jedenfalls kamen die Devils mit Dampf zurück. 50. Minute, Pastorino mit dem Zuckerpass in die Tiefe, Rafet Kisa spitzelt den Ball vorbei am Torwart Servet Kaloglu zum 2:3. Das Publikum roch die Wende, der Trainer fuchtelte, die Ersatzbank stand. Doch kaum hatte man sich an den Gedanken gewöhnt, kam der nächste Dämpfer: Wieder Derrick, wer sonst? In der 56. Minute vollendete der Dreifachtorschütze einen schnellen Angriff über Taylan Karaman - ein klassischer Stich ins Herz der teuflischen Defensive. "Wenn du dreimal triffst, darfst du dir den Ball behalten, oder?", scherzte Derrick nach Schlusspfiff und nahm tatsächlich den Matchball mit. Sein Trainer Phi Ung grinste daneben: "Er hat heute unser ganzes Konzept verkörpert - offensiv, frech, hungrig." Die Devils warfen in der Schlussphase alles nach vorne. Mit dem Wechsel in der 68. Minute kam Asen Christow für den müden Kisa - und der Joker stach spät. In der 90. Minute drückte Christow eine Hereingabe von Jamie Kirwan über die Linie. 3:4, Hoffnung flackerte auf, doch der Schiedsrichter hatte kein Einsehen: kaum wieder Anstoß, schon Abpfiff. Statistisch gesehen hätten die Devils das Spiel gewinnen müssen. Mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, mehr Leidenschaft - aber die Pirates hatten mehr Tore. Und das ist bekanntlich die einzige Statistik, die zählt. Zwei Gelbe für Manchester (Jarakovic, Ludwig), eine für Bristol (Ljubicic) rundeten ein hitziges, aber faires Duell ab. "Wir haben uns selbst geschlagen", knurrte Klopfenstein später in der Mixed Zone. "Vier Chancen, vier Tore - das ist Effizienz, aber wir haben sie eingeladen." Sein Gegenüber Phi Ung konterte trocken: "Manchmal ist weniger Ballbesitz einfach mehr Spaß." Am Ende blieb den Devils nur der Applaus der Fans - und die Erkenntnis, dass man mit 60 Prozent Ballbesitz keine drei Punkte kaufen kann. Die Pirates dagegen feierten ausgelassen, sangen auf dem Rasen und posierten mit Derrick, dem Mann des Abends, der in Bristol wohl ab sofort steuerfrei Kaffee bekommt. Und irgendwo auf der Tribüne murmelte ein älterer Fan: "Früher hätten wir so ein Spiel nicht verloren." Vielleicht. Aber früher war Fußball auch noch schwarz-weiß. Heute ist er kunterbunt - und manchmal piratenschwarz. 27.11.643987 14:06 |
Sprücheklopfer
Das Lokvenc-Foul an Lizarazu war das Übelste. Das war dunkelrot. Hätte Lizarazu nicht so einen Prachtkörper, wäre er mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht worden.
Franz Beckenbauer