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Tiago trifft spät - Radomiak siegt in letzter Sekunde

Es war eine dieser Nächte im polnischen Fußball, die man so schnell nicht vergisst. 20.000 Zuschauer in Radom hielten am Freitagabend den Atem an, als Tiago Martins in der 92. Minute den Ball über die Linie drückte - 1:0 für RKS Radomiak gegen BKS Gdansk, Endstand. Der Rest war Jubel, Erleichterung und ein Hauch von Wahnsinn.

Dabei hatte das Spiel zuvor alles, nur keine Tore. Beide Teams lieferten sich eine intensive Partie auf Augenhöhe, in der Radomiak mit 56 Prozent Ballbesitz und acht Torschüssen leicht die Nase vorn hatte. Doch Gdansk, das junge, unerschrockene Team von Trainer Mike Matt, hielt mit beeindruckender Disziplin dagegen. "Wir wollten mutig sein, nicht bloß zuschauen", sagte Matt nach dem Spiel, und sein Lächeln verriet, dass ihn die knappe Niederlage zwar wurmte, aber nicht überraschte.

Von Anfang an ging es munter los: Bereits in der dritten Minute prüfte Radomiaks Norweger Brede Jakobsen den Gdansker Torwart Noe Ogaza mit einem satten Schuss aus 18 Metern - der 18-jährige Keeper bestand die Feuerprobe mit Bravour. Kurze Zeit später konterte Gdansk. Adam Wichniarek tauchte nach einem langen Ball gefährlich vor Marco Ibano auf, doch der Radomiak-Schlussmann parierte routiniert.

Die erste Halbzeit war geprägt von viel Einsatz und wenig Zielwasser. Zwei Gelbe Karten für Radomiak - Timo Schlotterbeck (43.) und Juan Triguero (45.) - sorgten immerhin für etwas Farbe in einer ansonsten taktisch disziplinierten Begegnung. "Ich hab den Ball gespielt", protestierte Triguero später lachend. "Aber vielleicht war’s der Ball vom Gegner."

Nach dem Seitenwechsel blieb das Spiel offen. Gdansks Mittelstürmer Sebastian Mencel hatte gleich dreimal die Führung auf dem Fuß (35., 38., 49.), scheiterte aber jedes Mal an Ibano, der an diesem Abend zur Wand mutierte. "Ich schwöre, er hatte Magnete in den Handschuhen", flachste Mencel nach dem Abpfiff.

Radomiak suchte die Lücke, fand sie aber lange nicht. Der 17-jährige Oleg Buncol, der auffälligste Mann in Grün-Weiß, sorgte mit seinen Vorstößen über rechts immer wieder für Gefahr. In der 23. Minute verpasste er knapp, in der 75. und 82. Minute zwang er Ogaza zu Glanzparaden. "Der Junge hat keine Angst - vielleicht weil er noch nicht weiß, was Angst ist", grinste Radomiak-Coach Tomasz Kowalski (der hier als fiktiver Trainer angenommen sei).

Als sich alle schon mit einem torlosen Remis abgefunden hatten und die ersten Fans Richtung Ausgang schlenderten, kam die 92. Minute. Buncol setzte sich auf rechts durch, legte flach in die Mitte, und Tiago Martins stand goldrichtig. Mit der Ruhe eines erfahrenen Stürmers schob er den Ball ins lange Eck. Das Stadion explodierte. "Ich hab nur gedacht: Bitte nicht drüber!", verriet Martins später, "und dann war der Ball drin - das war pure Erleichterung."

Gdansk warf in den letzten Sekunden noch einmal alles nach vorne, doch Radomiak brachte den knappen Vorsprung clever über die Zeit. Das 1:0 war kein Spektakel, aber ein Statement: Erfahrung schlägt jugendliche Unbekümmertheit - zumindest an diesem Abend.

Statistisch blieb das Spiel eng: 8:7 Torschüsse, 51 zu 49 Prozent Zweikampfquote, kaum Fouls, wenig Hektik. Beide Teams spielten über weite Strecken kontrolliert - Radomiak ausgewogen, Gdansk offensiv, aber ohne Pressing. Manchmal wirkte es, als wollten beide lieber Fußball spielen als gewinnen, bis Tiago das Gegenteil bewies.

"So ein Sieg fühlt sich doppelt gut an, wenn man bis zur letzten Sekunde kämpfen muss", meinte Trainer Kowalski, während sein Gegenüber Matt nur trocken konterte: "Wir lernen daraus. Nächstes Mal schießen wir in der 91. Minute."

Die Fans verließen das Stadion mit einem Lächeln - einige noch immer ungläubig über das späte Happy End. Ein junger Zuschauer fasste es am besten zusammen: "Ich wollte schon gehen. Zum Glück war der Bus zu spät."

Ein Abend, der zeigte, warum man im Fußball nie zu früh aufstehen - oder aufbrechen - sollte. Und warum Tore in der Nachspielzeit manchmal die gerechteste aller Belohnungen sind.

19.06.644003 09:49
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