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Ein Freitagabend unter Flutlicht, 37.540 Zuschauer, und ein Heimteam, das offenbar vergessen hatte, dass man Fußballspiele auch knapp gewinnen kann: Tirat Carmel FC zerlegte Tel Aviv Orange mit 4:0 (3:0) - und das mit einer Nonchalance, die zwischen spielerischer Leichtigkeit und freundlicher Demütigung pendelte. Bereits die ersten Minuten ließen erahnen, wohin die Reise gehen würde. Tirat Carmel startete offensiv wie ein frisch geschärftes Messer durch Butter. Isidoro Oliveira prüfte Torhüter Natan Pines-Paz in Minute 4, Tikhon Makarow legte kurz darauf nach - doch da war das Netz noch sicher. Drei Minuten später war es dann soweit: In der 14. Minute vollendete Makarow nach feinem Doppelpass mit Oliveira zum 1:0. Der Jubel im Stadion klang, als hätte jemand den Deckel vom Schnellkochtopf genommen. "Wir wollten von Beginn an zeigen, dass wir hier Chef im Haus sind", sagte Makarow später selbstbewusst - und grinste, als er sich an seinen Treffer erinnerte. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du nicht schießt, kannst du auch nicht treffen - das ist Mathematik." Nur drei Minuten später drehte Oliveira den Spieß um und traf selbst zum 2:0, diesmal nach Vorlage von Espen Brinkerhoff, der an diesem Abend ohnehin das Mittelfeld beherrschte wie ein Dirigent sein Orchester. Tel Aviv Orange wirkte in dieser Phase wie ein Chor ohne Notenblatt: bemüht, aber planlos. In der 28. Minute folgte die endgültige Demütigung. Wieder war Brinkerhoff der Vorlagengeber, diesmal für Sigurd Carlsen, der den Ball mit einem trockenen Schuss in die rechte Ecke zimmerte - 3:0. Trainerin Babsi Klemm klatschte an der Seitenlinie begeistert, während ihr Gegenüber Vale Biorausch zunehmend die Farbe aus dem Gesicht wich. "Wir haben uns in der ersten Halbzeit selbst geschlagen", murmelte Biorausch nach dem Spiel. "Drei Chancen für Carmel, drei Tore - und wir? Wir hätten wohl auch ohne Torhüter gespielt, das Ergebnis wäre dasselbe." Zur Pause wechselte Klemm gleich doppelt, offenbar um die Fußbremse zu suchen. Oliveira und Makarow durften duschen, Claude Gaudin und Rahim Erkin kamen. Doch auch in der zweiten Hälfte blieb Tirat Carmel tonangebend. Zwar nahm das Tempo etwas ab, doch die Gastgeber kontrollierten das Geschehen souverän. 22 Torschüsse zu 6 sprechen eine deutliche Sprache, ebenso wie der nahezu ausgeglichene Ballbesitz (50 Prozent zu 50) - nur dass Carmel mit dem Ball eben etwas anzufangen wusste. Orange versuchte es nach dem Seitenwechsel mit zaghafter Offensive. Theo Patton und Noe Albentosa hatten zwischen der 31. und 57. Minute ihre Schussmomente, doch entweder fehlte Präzision oder Georg Danielsen, später ersetzt durch Edward Whitman, stand richtig. "Ich hatte heute nicht viel zu tun", gab Whitman nach dem Abpfiff zu. "Aber vier Null ist vier Null - ich beschwer mich nicht." In der 88. Minute setzte dann ausgerechnet Innenverteidiger Leandro Djalo den Schlusspunkt. Nach einer Flanke von Rasmus Clausen stieg der Abwehrmann hoch und köpfte den Ball wuchtig ins Netz - 4:0, und das Stadion tobte ein letztes Mal. "Leandro kann manchmal höher springen als denken", witzelte Trainerin Klemm später augenzwinkernd. "Aber heute war das genau richtig." Tel Aviv Orange hingegen wirkte am Ende ratlos. Die Statistik mag ausgeglichen aussehen, doch in Wahrheit lagen Welten zwischen beiden Teams. Carmel gewann 55 Prozent der Zweikämpfe, spielte zielstrebig, aggressiv und - man kann es ruhig sagen - mit Vergnügen. Orange dagegen presste nicht, attackierte zögerlich und schien bisweilen darauf zu warten, dass der Schiedsrichter Gnade walten ließ. "Wir müssen unsere Mentalität ändern", forderte Biorausch nach dem Spiel. "Fußball ist kein Wunschkonzert." Ein Reporter entgegnete trocken: "Heute war es eins - nur dass Ihr Team nicht eingeladen war." So bleibt festzuhalten: Tirat Carmel FC arbeitet sich mit diesem Kantersieg eindrucksvoll an die Tabellenspitze heran, während Tel Aviv Orange schleunigst die Reset-Taste suchen sollte. Die Zuschauer jedenfalls gingen bestens gelaunt nach Hause - einer rief beim Hinausgehen: "Wenn das so weitergeht, brauchen wir bald ein größeres Stadion!" Ein Satz, den Babsi Klemm vermutlich mit Freuden unterschreiben würde. 21.04.643987 17:19 |
Sprücheklopfer
Wir wollen uns von Spiel zu Spiel konzentrieren und die Tordifferenz verringern.
Christoph Daum