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Tirat Carmel - 38.563 Zuschauer sahen am Samstagabend einen Saisonstart, der alles hatte, was Fußball in Israel so wunderbar unberechenbar macht: frühe Jubelstürme, Gelbe Karten im Minutentakt, eine linke Abwehrkante als Torschütze - und einen Trainer, der nach Abpfiff lachend zugibt: "Ich wusste gar nicht, dass Adriano mit links schießen *kann*." Babsi Klemm, die Trainerin des Tirat Carmel FC, hatte gut lachen. Ihr Team gewann zum Auftakt der 1. Liga Israel mit 2:1 (1:1) gegen Kiryat Shmona FC und setzte damit ein frühes Ausrufezeichen. Dabei begann der Abend alles andere als verheißungsvoll. Schon in der 13. Minute schob Alejandro Cascon den Ball für die Gäste aus Kiryat Shmona über die Linie - eiskalt, nach Pass von Domingo Cunha, der an diesem Abend so viele Kilometer machte, dass man ihm am Ende fast ein Taxi nach Hause hätte spendieren müssen. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", schimpfte Tirats Keeper Georg Danielsen später, "aber Cascon hat einfach weitergespielt. Tja, Fehler Nummer eins." Doch Tirat Carmel ließ sich nicht schocken. Mit elf Torschüssen gegen zehn und nahezu ausgeglichenem Ballbesitz (49,6 zu 50,3 Prozent) war das Spiel kein Selbstläufer, aber die Gastgeber zeigten mehr Biss. In der 40. Minute kam der Moment, in dem selbst der Stadionrasen kurz Luft holte: Linksverteidiger Adriano Figo stürmte nach vorne, bekam den Ball irgendwie, irgendwo - und drosch ihn aus spitzem Winkel ins lange Eck. 1:1! Das Publikum tobte, und Figo grinste später: "Ich wollte eigentlich flanken, aber der Ball hat entschieden, dass er lieber ins Eck geht." Zur Pause stand es also unentschieden, und beide Trainer nutzten die Gelegenheit, um ihre Linien zu justieren. Ivan Murganovic, der leicht gehetzt wirkte, brachte gleich zwei frische Außenverteidiger. Klemm wechselte offensiv: Joel Cantwell und der erfahrene Joel Miller kamen, um das Zentrum zu stabilisieren. "Wir wollten Pressing spielen, aber nicht *so* viel", witzelte sie mit Blick auf die Statistik, die ihrem Team nach der Pause ein deutlich aggressiveres Auftreten bescheinigte. In der 62. Minute zahlte sich das aus. Der flinke Rahim Erkin, bis dahin eher unauffällig, zog nach feinem Pass von Bram Sleeper in die Mitte - und vollendete trocken zum 2:1. Während das Stadion jubelte, stand Murganovic an der Seitenlinie und sah aus, als würde er innerlich sein Taktikbrett zerbrechen. "Wir haben die Mitte verloren", räumte er später ein. "Und wenn man die Mitte verliert, verliert man oft auch das Spiel." Kiryat Shmona versuchte es danach mit jugendlichem Elan: Drei Teenager wurden eingewechselt, der jüngste gerade einmal 18. Doch gegen die robuste Heimabwehr um Conte und Catalano bissen sie sich die Zähne aus. Cunha sammelte zwar weiter Torschüsse (fünf an der Zahl), aber es blieb beim knappen Rückstand. Besonders bitter für ihn: In der 86. Minute sah er nach einem taktischen Foul noch Gelb - sinnbildlich für einen Abend, an dem Einsatz und Effektivität weit auseinanderlagen. Die letzten Minuten hatten dann noch ihren ganz eigenen Charme. Tirats Ersatzkeeper Edward Whitman durfte in der 76. Minute für Danielsen ran - angeblich, weil dieser "ein Ziehen im linken Fußnagel" verspürte, wie Klemm lachend erklärte. Whitman parierte prompt einen Schuss von Cascon und wurde von der Bank mit einem "Das nenn ich Einstand!" gefeiert. Als Schiedsrichter Lotan Ben-Zur nach 93 Minuten abpfiff, war der Jubel groß. Tirat Carmel hatte nicht nur drei Punkte, sondern auch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein eingefahren. "Das war kein schönes Spiel", gab Figo ehrlich zu, "aber manchmal ist schön ja auch überbewertet." Murganovic sah das ähnlich, nur mit anderer Betonung: "Wenn man 1:0 führt und trotzdem verliert, ist das… lehrreich." Er lächelte dabei so gequält, dass man ihm fast ein Taschentuch reichen wollte. Ein gelungener Auftakt also für Tirat Carmel, das mit offensiver Ausrichtung und mutigem Pressing im zweiten Durchgang die Wende erzwang. Und wer weiß - vielleicht war dieses 2:1 gegen Kiryat Shmona ja mehr als nur ein Auftakt. Vielleicht der Beginn einer Saison, in der Babsi Klemm und ihre Männer öfter sagen dürfen: "Ich wusste gar nicht, dass er das kann." Und falls nicht - wenigstens wissen sie jetzt, dass auch ein Linksverteidiger Tore schießen kann. 29.05.643990 23:55 |
Sprücheklopfer
Wenn für Ze Roberto jemand 30 Millionen bietet, kann er sein Auto putzen und dann ab über die Alpen.
Rainer Calmund