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Wer am Dienstagabend im Stadion an der Gellertstraße frierend auf seinem Plastikstuhl ausharrte, bekam zumindest eines geboten: Spektakel. Neun Tore, ein gelb verwarntes Talent, zwei Trainer mit wackelnden Nerven - und ein Spiel, das man am liebsten in Zeitlupe noch einmal sehen möchte, um alles zu glauben. Am Ende hieß es 4:5 (3:4) aus Sicht des Chemnitzer FC, der trotz 57 Prozent Ballbesitz und 20 Torschüssen die Punkte an den frech aufspielenden Aufsteiger aus Weiler im Allgäu abgeben musste. Es begann wie gemalt für die Gastgeber. In der 11. Minute traf Isidoro Goncalves nach feinem Zuspiel von Alfie Beglin zur frühen Führung. "Da dachte ich, das wird ein ruhiger Abend", erzählte Trainerin Beate Merkel später mit einem bitteren Lächeln. Ruhig wurde es allerdings genau 60 Sekunden lang. Denn schon im Gegenzug glich Samuel Erskine für die Gäste aus - ein Schuss aus 16 Metern, halb Volley, halb Wahnsinn. Dann entwickelte sich ein Schlagabtausch, der jedem Fitnesscoach den Puls hochtreibt. Lennard Weiss köpfte Chemnitz in der 21. Minute erneut in Front, ehe Weiler im Allgäu in Person von Linus Berger (27.), Michael Siebert (34.) und Robin Born (38.) innerhalb von elf Minuten drei Tore erzielte. 3:4 stand es zur Pause - ein Ergebnis, das man sonst eher aus Hallenturnieren kennt. "Wir hatten in der ersten Halbzeit mehr Löcher als ein Schweizer Käse", knurrte Innenverteidiger Boris Budjanski, während er sich den Schweiß aus den Augen wischte. Nach der Pause zeigte Chemnitz, dass es sich nicht kampflos ergeben wollte. Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, hämmerte Beglin den Ball nach Vorarbeit von Joel Whitman zum 4:4 ins Netz (47.). Der Jubel war groß, das Stadion bebte - und manch einer rief schon "Jetzt holen wir sie!". Doch das Fußballschicksal hatte andere Pläne. Weiler im Allgäu, das unter Trainer Mino Raiola mit bewundernswerter Kaltschnäuzigkeit agierte, lauerte auf den entscheidenden Moment. Und der kam in der 74. Minute: Wieder war es Linus Berger, der nach einem Pass von Nick Scherer eiskalt vollendete - 5:4 für die Gäste. "Ich dachte kurz, der Ball rollt ins Aus", grinste Berger nach dem Spiel. "Aber er wollte wohl einfach rein." Chemnitz versuchte alles, rannte, kombinierte, schoss - allein Beglin und Weiss prüften den Gästetorhüter Hanns Peter mehrfach, doch der 17-jährige Schlussmann blieb erstaunlich cool. "Ich hab einfach nur versucht, mich groß zu machen", sagte er bescheiden, während seine Mitspieler ihn fast erdrückten vor Freude. Statistisch gesehen war Chemnitz das bessere Team: Mehr Ballbesitz, fast doppelt so viele Abschlüsse, die bessere Zweikampfquote. Doch Fußball gehorcht selten der Statistik - und manchmal auch nicht der Logik. "Wir haben offensiv gespielt, vielleicht zu offensiv", gab Trainerin Merkel zu. "Aber wenn man vier Tore schießt, sollte man eigentlich nicht verlieren." Raiola konterte mit einem breiten Grinsen: "Ich sag meinen Jungs immer: Wenn ihr fünf Tore macht, ist mir egal, wie viele wir kassieren." Der Mann weiß, wie man Schlagzeilen produziert. In der Schlussphase wurde es noch einmal wild. Chemnitz drückte, Weiler konterte, der Ball flog gefühlt mehr durch die Luft als am Boden. In der 77. Minute sah Weilers junger Innenverteidiger Asen Todorow Gelb, nachdem er Weiss mit einem rustikalen Einsteigen gestoppt hatte - "Ich wollte nur den Ball treffen", beteuerte er später, was in Chemnitzer Ohren wohl wie Hohn klang. Nach 90 Minuten pfiff der Schiedsrichter ab - und die 9.771 Zuschauer wussten nicht so recht, ob sie klatschen oder fluchen sollten. Ein Teil tat beides. Auf der Tribüne seufzte ein älterer Fan: "Früher haben wir 1:0 gewonnen. Heute machen sie neun Tore und verlieren trotzdem." Das fasst diesen Abend wohl am besten zusammen: ein Spiel voller Energie, Chaos und Unterhaltung - aber ohne Happy End für die Hausherren. Vielleicht tröstet Beate Merkel der Gedanke, dass man solche Spiele nicht trainieren kann. Oder wie sie selbst sagte, während sie in die Kabine ging: "Das war kein Fußballspiel. Das war ein Theaterstück. Nur leider hatten wir die falsche Rolle." Und so bleibt Chemnitz mit leeren Händen zurück - aber mit der Gewissheit, einem der verrücktesten 3.-Liga-Abende des Jahres beigewohnt zu haben. 22.07.643996 05:48 |
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Ich brauche Spieler, die am Ball besser sind als am Mikro.
Otto Rehhagel