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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob die Abwehrreihen kollektiv beschlossen hatten, einfach mal das Leben zu genießen. 43.500 Zuschauer im Stadio di Gela bekamen beim 4:4 gegen den AC Neapel jedenfalls das volle Programm: Tore im Minutentakt, verzweifelte Trainer an der Seitenlinie und ein Torwart, der nach Abpfiff lautstark verkündete: "Ich fühlte mich heute wie im Schussfeld einer Artillerie." Schon nach neun Minuten war die Partie entgleist - Riccardo Marinelli, Neapels bulliger Mittelstürmer mit der Eleganz eines Güterzuges, wuchtete den Ball nach Vorlage von Stephane Larocque ins Eck. Zwei Minuten später konterte Gela: Javier Vazques, der flinke Linksaußen, nutzte Lucas Cochrans Querpass und schob trocken zum 1:1 ein. "Da dachte ich, jetzt sind wir drin im Spiel", sagte Trainer Michael Müller später - wohl wissend, dass dieser Gedanke nur 17 Minuten Gültigkeit hatte. Denn in der 28. Minute schlug Marinelli erneut zu, diesmal nach feiner Vorarbeit von Christophe Lehmann. Und kaum hatten die Fans ihren Espresso ausgetrunken, rappelte es wieder: Nicolaas Winchel erhöhte nach glänzendem Zuspiel von Larocque auf 3:1. Spätestens da sah man Müller mit verschränkten Armen und einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und innerer Kündigung pendelte. "Ich habe in der Pause gesagt: Wir spielen jetzt einfach so, als ob’s 0:0 steht", erzählte Müller später mit einem süffisanten Lächeln. Und siehe da - seine Männer nahmen ihn wörtlich. Nur sechs Minuten nach Wiederanpfiff traf Niels Wegener aus der Distanz zum 2:3. Zwei Minuten später zirkelte Rechtsverteidiger Samuel Perlman, begünstigt durch eine missglückte Grätsche in Neapels Strafraum, den Ball ins Netz. Ausgleich! Das Stadion tobte, und selbst der Stadionsprecher klang kurz wie ein Teenager auf einem Rockkonzert. Doch Neapel wäre nicht Neapel, wenn es nicht sofort wieder Chaos stiften würde. In der 54. Minute - kaum hatte Gela aufgehört zu jubeln - traf erneut Winchel, abermals nach Vorlage von Larocque. 3:4. Die Gäste spielten weiter mit offenem Visier, offenbar überzeugt davon, dass Verteidigen ein optionaler Teil des Spiels sei. Dann kam die 68. Minute. Gela warf alles nach vorn, und wieder war es Vazques, der nach Flanke von Jeno Lisztes einnickte. 4:4! Inzwischen hatte das Spiel mehr Wendungen als eine italienische Telenovela. Der Reporter auf der Pressetribüne - also ich - verlor kurzzeitig den Überblick, ob man noch über Fußball oder schon über Improvisationstheater schrieb. In den letzten zwanzig Minuten warfen beide Teams weiter nach vorn, als gäbe es Punkte für pure Unterhaltung. Gelas Filipe Meira sah Gelb (77.), vermutlich aus purer Langeweile über das Fehlen taktischer Disziplin. Kurz darauf durfte er runter, ersetzt von Ignacio Barbosa. Neapel wechselte ebenfalls fleißig: Larocque ging nach 73 Minuten völlig erschöpft, was Trainer Header Maxov trocken kommentierte: "Er hat heute mehr Kilometer gemacht als unsere Busfahrt hierher." Statistisch war das Spiel ein Muster an Gleichgewicht - 15 Torschüsse Gela, 12 Neapel, Ballbesitz fast 50:50. Nur die Trainerbilanzen dürften unterschiedlich aussehen: Müller grinste nach Abpfiff, Maxov dagegen wirkte, als wolle er sofortige Verstärkung für die Abwehr bestellen. "Das war kein Fußball, das war ein Feuerwerk ohne Sicherung", knurrte er am Mikrofon. Torhüter Pattrick Gabriel von Gela wurde gefragt, wie man sich nach vier Gegentoren fühlt. "Wie ein Mann, der im Regen tanzt - man weiß, es wird nass, aber man kann ja trotzdem Spaß haben." Und so endete ein Abend, der weniger mit taktischer Finesse als mit purer Spielfreude zu tun hatte. 4:4, acht Tore, zwei erschöpfte Trainer und 43.500 glückliche Zuschauer, die das Stadion mit dem Gefühl verließen, Zeugen eines Spiels geworden zu sein, das man seinen Enkeln erzählen wird - oder zumindest dem Barkeeper nach dem nächsten Espresso. Vielleicht war es kein Sieg, aber ganz sicher ein Triumph des Fußballs über die Vernunft. 22.10.643996 20:00 |
Sprücheklopfer
Halten Sie Ihre Klappe und spielen Sie Fußball, Herr Basler!
Otto Rehhagel