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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob das Drehbuch von einem romantischen Chaosliebhaber geschrieben wurde. 20.687 Zuschauer im Chemnitzer Stadion bekamen beim 3:3 (2:1) zwischen Fortuna Chemnitz und dem TSV Rothemann ein Fußballtheater zu sehen, das zwischen Glanz und Wahnsinn pendelte. Schon der Anpfiff um 20:30 Uhr versprach wenig Ruhe. Rothemanns Per Iversen prüfte nach gerade einmal 60 Sekunden Chemnitz-Keeper Xavier Eusebio - ein Weckruf für alle, die dachten, sie könnten das Bier noch austrinken, bevor etwas passiert. Fortuna antwortete prompt, und zwar im Stakkato: Adriano Goncalves zog in Minute 13 ab, Lewis McGowan scheiterte fünf Minuten später - nur um in der 18. Minute mit einem trockenen Schuss ins rechte Eck das 1:0 zu markieren. "Ich hab einfach draufgehalten. Manchmal muss man nicht denken, nur treffen", grinste der 33-jährige Routinier hinterher. Kaum hatten die Gäste den Rückstand verdaut, kam der nächste Schlag: Linksverteidiger Malkolm Bruun, sonst eher für kernige Grätschen bekannt, donnerte in der 22. Minute den Ball nach einer Ecke von Asier Ordono unter die Latte - 2:0. "Ich wusste gar nicht, dass ich so schießen kann", staunte Bruun selbst nach dem Spiel. Doch wer die Rothemänner abschreibt, hat deren Sturmkünstler Bernard Bruguiere nicht auf der Rechnung. In der 42. Minute setzte der Franzose nach Vorlage von Riley MacAlister zum Solo an, täuschte zwei Verteidiger und schob lässig zum 2:1 ein. Trainer Saper Lot kommentierte trocken: "Das war der Moment, in dem ich wieder an Fußball geglaubt habe." Mit diesem Zwischenstand ging es in die Pause - Fortuna mit 54 Prozent Ballbesitz, aber sichtbar nervös. "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber nicht uns selbst", knurrte Trainer Maik Oberländer später. Nach dem Seitenwechsel kam Rothemann wie verwandelt zurück. Der erst 19-jährige Nahum Friedmann, schon mit Gelb vorbelastet, nutzte in Minute 48 eine Unachtsamkeit in der Chemnitzer Abwehr und glich eiskalt aus. 2:2, und plötzlich schwamm Fortuna. Die Gäste legten nach - und wer sonst als Innenverteidiger Kay Seifert sollte in der 70. Minute nach einer Ecke von Vitorino Acevedo per Kopf das 3:2 erzielen? Es war der Moment, in dem die 20687 Kehlen im Stadion kurz verstummten. Doch Chemnitz wäre nicht Chemnitz, wenn sie sich damit zufriedengegeben hätten. Trainer Oberländer warf alles nach vorn, brachte frische Beine und ließ pressen, als hinge die Welt davon ab. In der 78. Minute kam der erlösende Ausgleich: Der eingewechselte Vitor Peragon traf nach feiner Vorarbeit von Stephane Dumont zum 3:3. "Steph hat mir den Ball serviert wie in der Kneipe - direkt auf den Punkt", lachte der Torschütze. Danach wurde es wild. Rothemanns Dimas Arrieta, schon in der 51. Minute verwarnt, sah in der 81. Minute Gelb-Rot, nachdem er Peragon rustikal am Trikot zerrte. "Ich wollte nur sein Parfum wissen", scherzte Arrieta später, während Coach Lot die Hände über dem Kopf zusammenschlug. In Unterzahl verteidigten die Gäste das Remis mit allem, was Beine hat. Fortuna drückte, schoss (insgesamt 13 Mal, verglichen mit Rothemanns acht Versuchen) und rannte - aber der Ball wollte nicht mehr rein. In der Nachspielzeit prüfte Bruno Turcotte noch einmal Torwart Pierre Jean-Pierre, der die Kugel spektakulär über die Latte lenkte. "Das war kein Fußballspiel, das war ein Abenteuerurlaub", resümierte Chemnitz-Trainer Oberländer. Und Saper Lot konterte mit einem Grinsen: "Wenn meine Jungs so weiterkämpfen, darf ich vielleicht noch ein paar Wochen bleiben." Statistisch war Fortuna leicht überlegen: mehr Ballbesitz, bessere Zweikampfquote, mehr Abschlüsse. Doch am Ende stand auf der Anzeigetafel ein 3:3, das beiden Teams schmeichelte - und den Zuschauern ein Grinsen bescherte. Und während die Flutlichtmasten langsam erloschen, hörte man aus der Chemnitzer Fankurve einen Satz, der den Abend perfekt zusammenfasst: "Für so was zahlt man gern Eintritt - aber bitte nicht jede Woche." Ein Spiel, das keiner vergessen wird - nicht wegen der Perfektion, sondern wegen seiner schönen, ehrlichen Unordnung. 26.08.643987 20:13 |
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So schnell wie ich heute gelaufen bin, konnte mich keine Kamera einfangen.
Mario Basler