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Ein lauer Sommerabend in Nitra, 52 196 Zuschauer, die Sonne sinkt, das Bier ist warm - und die Hoffnung ebenso. Trogari Nitra hatte alles in der Hand, oder besser: am Fuß. 60 Prozent Ballbesitz, 15 Torschüsse, eine erste Halbzeit zum Zungeschnalzen - und am Ende doch eine 1:2-Niederlage gegen den abgezockten FK Senec. Fußball kann gemein sein, manchmal sogar grausam. Dabei begann alles wie gemalt. Die Hausherren zogen ihr gewohntes, geduldiges Passspiel auf, als wollten sie ein Lehrvideo für "kontrollierte Offensive" drehen. In der 27. Minute schließlich der verdiente Lohn: Pau Tonel schob den Ball von rechts in die Mitte, Pol Aznar nahm Maß - flach, präzise, unhaltbar. 1:0. Das Stadion bebte, Trainer Chris Armstrong riss die Arme hoch, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "Ich dachte, das Ding hätten wir im Griff", sagte er später mit einem bitteren Lächeln. Senec dagegen wirkte in der ersten Halbzeit wie ein Team, das seine Hausaufgaben vergessen hatte. Acht Torschüsse insgesamt sollten es am Ende werden - zur Pause standen gerade einmal drei zu Buche, und die meisten davon irgendwo in den Nachthimmel. Trainer Bert Schnell wirkte an der Seitenlinie entsprechend unzufrieden. "Ich habe ihnen gesagt: Wenn ihr schon mit Offensive auf dem Papier steht, dann zeigt das auch auf dem Rasen. Vielleicht hat’s ja jemand verstanden", grinste er nach dem Spiel. Und tatsächlich: Nach der Pause kam ein anderes Senec aus der Kabine. Vielleicht war’s der Kaffee, vielleicht die Ansprache, vielleicht einfach die Erkenntnis, dass man auch mal in Richtung Tor schießen darf. In der 56. Minute war es ausgerechnet Innenverteidiger Tomas Krejci, der nach einer Ecke am höchsten stieg und den Ball wuchtig ins Netz köpfte. 1:1 - die Partie kippte spürbar. Nur fünf Minuten später drehte Senec das Spiel endgültig. Jesse Leweling tankte sich auf links durch, passte flach in den Strafraum, und Agemar Oliveira, der brasilianische Mittelstürmer mit der Coolness eines Straßenkickers, schob zum 1:2 ein. Kurz blickte er zum Himmel, dann zum Gästeblock - als wüsste er, dass das schon der Siegtreffer war. Nitra versuchte danach alles. Fabian Wirtz prüfte Sencs Torwart Martin Hlinka gleich mehrfach, Halvor Clemmensen schlenzte knapp vorbei, sogar Torhüter Heinz Kunkel rannte in der Nachspielzeit bei einer Ecke mit nach vorn. "Ich dachte, wenn ich schon friere, kann ich auch noch was riskieren", scherzte Kunkel später. Doch der Ausgleich wollte nicht fallen. Senec verteidigte mit allem, was Beine hatte - und manchmal auch mit Händen, Schultern oder purer Verzweiflung. Stanislav Labant kassierte in der 70. Minute Gelb für ein rustikales Einsteigen, verletzte sich später selbst und musste raus. Callum Donovan kam für ihn, Igor Kvasnak ersetzte kurz darauf Jesse Leweling. "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen einfach aufhören, schön zu spielen", verriet Trainer Schnell. "Schön war’s nicht, aber effektiv." Die Statistik spricht trotzdem eine andere Sprache: 60,8 Prozent Ballbesitz für Nitra, 15:8 Torschüsse, sogar eine leicht bessere Zweikampfquote. Aber Tore zählen, nicht Prozente. "Das ist wie beim Roulette", sagte Torschütze Aznar nach dem Abpfiff. "Du kannst zwanzigmal auf Rot setzen - wenn’s zweimal Schwarz wird, verlierst du trotzdem." Als der Schlusspfiff ertönte, blieb Armstrong kurz auf der Linie stehen, die Hände in die Hüften gestemmt. Er nickte den Spielern zu, klopfte Wirtz auf die Schulter. "Wir haben gut gespielt", murmelte er in Richtung Presse. "Aber gut reicht manchmal nicht. Vielleicht müssen wir lernen, dreckig zu gewinnen." Man konnte ihm den Frust nicht verdenken. Denn selten war eine Niederlage so unverdient und gleichzeitig so selbstverschuldet. Nitra spielte, Senec siegte - ein klassischer Fußballabend also. Und während die Gästefans jubelten und Trainer Schnell in Richtung Kabine verschwand, sagte ein älterer Nitra-Anhänger auf der Tribüne trocken: "Wir hatten den Ball, sie die Punkte. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal tauschen." Ein Satz, der das Spiel treffender zusammenfasst als jede Statistik. Fußball bleibt eben das Spiel der Ungerechtigkeiten - und genau deshalb lieben wir ihn. 07.06.644003 19:50 |
Sprücheklopfer
Im Fußball ist es wie im Eiskunstlauf - wer die meisten Tore schießt, der gewinnt.
Rainer Calmund