Elfmeter
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TSV Rudow schießt sich in Göttingen den Frust von der Seele

Wer am Mittwochabend pünktlich um 20:15 Uhr im Göttinger Stadion saß, hatte kaum Zeit, sich die Bratwurst zu pellen: Nach gerade einmal zwei Minuten zappelte der Ball schon im Netz. TSV Rudows Rechtsaußen Dominique Michels hatte sich den Ball geschnappt, links kam der flinke Olav Schulz, legte quer - 0:1. Und das war erst der Anfang eines Abends, an dem der SCW Göttingen vor 2477 Zuschauern in der Verbandsliga D kollektiv das Verteidigen vergaß. Endstand: 0:6.

"Wir wollten offensiv beginnen", erklärte SCW-Trainer (der Name war nach Abpfiff in den Gesichtern der Fans nicht mehr zu erkennen) und fügte trocken hinzu: "Das hat Rudow offenbar auch gehört." Tatsächlich spielte der TSV von der ersten Sekunde an so, als hätten sie noch was gutzumachen. Und das taten sie.

Nach Michels’ frühem Treffer rollte Angriff um Angriff auf das Tor von Yanik Reuter, der die meiste Zeit eher wie ein einsamer Leuchtturm im Sturm der Rudower wirkte. In der 15. Minute war es Gustav Becker, der nach feiner Vorarbeit - natürlich wieder von Olav Schulz - das 0:2 erzielte. Und als sich Göttingen gerade sortieren wollte, klingelte es schon wieder: Hanns Seitz hämmerte den Ball in der 35. Minute unter die Latte. 0:3 zur Pause - und die Hoffnung auf ein Comeback war da schon so dünn wie das Bier an der Stadionbude.

"In der Kabine habe ich gesagt: Jungs, jetzt erst recht!", versuchte der Göttinger Coach später zu erklären. Was seine Mannschaft dann tat, war immerhin mutig - sie lief weiter an, hatte mit Hans Vollmer und dem unermüdlichen 51-jährigen (!) David Lutz sogar zwei Torschüsse. Beide gingen zwar vorbei, aber das Publikum applaudierte höflich. "Ich hab mir gedacht, vielleicht trifft er den Ball wenigstens", flachste ein Fan auf der Tribüne.

Doch Rudow hatte andere Pläne. In der 65. Minute kombinierte sich Matthias Probst über links durch, legte auf Seitz - und schon stand’s 0:4. Der Ballbesitz sprach längst Bände: knapp 60 Prozent für Rudow, 24 Torschüsse, während Göttingen auf zwei kümmerliche Versuche kam. Man könnte meinen, die Statistik sei ein schlechter Scherz, aber sie war so real wie das resignierende Schulterzucken des Heimtorwarts.

Und weil das Rudower Team offenbar Spaß an Wiederholungen hatte, legte es in der Schlussphase noch doppelt nach. In der 76. Minute traf der quirlige Oscar Sandoval nach erneutem Zuspiel von Schulz - das fünfte Mal, dass der junge Flügelspieler an einem Tor beteiligt war. "Ich hab nur gespielt, was der Platz hergab", grinste Schulz nach dem Spiel. "Und der Platz war groß heute."

Den Schlusspunkt setzte Oskar Haas in der 82. Minute, wieder nach Vorlage von - genau - Olav Schulz. 0:6. Rudow hatte damit ein halbes Dutzend Tore verteilt, als wären sie auf einer karitativen Mission für die Tordifferenz. Göttingen hingegen wirkte, als wollte es einfach nur, dass der Schiedsrichter endlich abpfeift.

"Das war Lehrfilm-Material", sagte Rudow-Trainer - mit einem Grinsen, das zwischen Stolz und Mitleid schwankte. "Die Jungs haben das umgesetzt, was wir trainieren: Pressing vermeiden, Ball laufen lassen, Chancen nutzen. Und das hat heute erstaunlich gut funktioniert."

Auf der anderen Seite klang die Stimmung etwas gedrückt. "Wenn man 0:6 verliert, kann man nicht so tun, als wäre es unglücklich", gab SCW-Routinier Lutz zu. "Aber wir haben Herz gezeigt. Vielleicht zu viel - der Ballbesitz sah teilweise aus wie Mitleidspassagen."

Für Göttingen bleibt die Erkenntnis, dass eine offensive Grundausrichtung allein noch kein Rezept gegen eine präzise, abgezockte Mannschaft ist. Rudow war in allen Belangen eine Klasse besser - aggressiv ohne unfair zu sein, ruhig im Aufbau, tödlich im Abschluss. Das 0:6 liest sich brutal, aber es war schlicht leistungsgerecht.

Als die Rudower Spieler nach Abpfiff Arm in Arm zu den mitgereisten Fans gingen, hörte man einen Göttinger Zuschauer murmeln: "Na wenigstens war das Flutlicht schön." Und tatsächlich - schöner als das Ergebnis war an diesem Abend nur das Licht über dem Platz.

Fazit: Rudow in Galaform, Göttingen im Tiefschlaf. Wenn das ein Fußballmärchen war, dann eins, das die Heimfans lieber vergessen möchten. Doch wer weiß - vielleicht wird man in Göttingen noch in Jahren sagen: "Weißt du noch, das 0:6 gegen Rudow? Danach ging’s wieder bergauf." Ironie der Geschichte: Manchmal braucht es eine richtige Klatsche, um aufzuwachen.

08.02.644000 20:16
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