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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob die Gäste vielleicht den falschen Bus genommen haben. 42.438 Zuschauer im Karsspor-Stadion sahen am 5. Spieltag der 1. Liga Türkei eine Vorstellung, die irgendwo zwischen Fußballkunst und Lehrvideo für Angriffspressing lag: Türkgücü Karsspor besiegte Lazika SK mit 3:0 (1:0). Und ehrlich gesagt - es hätte auch höher ausgehen können. Trainer Akin Nasa grinste nach Schlusspfiff, als er gefragt wurde, ob er zufrieden sei: "Sagen wir so: Ich hatte für die zweite Halbzeit schon einen Tee bestellt - aber meine Jungs wollten lieber weiter Tore machen." Ganz anders Kollege Stahl Ergül von Lazika SK, der mit hängenden Schultern in der Pressekonferenz Platz nahm: "Wir wollten kontern. Leider haben wir vergessen, vorher den Ball zu erobern." Schon in der 10. Minute setzte Esteban Cunha das erste Ausrufezeichen. Nach Vorlage von Önder Bilgin zog der bullige Mittelstürmer aus spitzem Winkel ab - und der Ball zischte unhaltbar ins lange Eck. Der Jubel war laut, das Publikum euphorisch, und Lazikas Torwart Garip Kulaksizoglu sah früh so aus, als würde er lieber irgendwo anders stehen. Türkgücü dominierte Ball und Gegner - 53,7 Prozent Ballbesitz und satte 19 Torschüsse sprechen eine klare Sprache. Nur einmal, in der 23. Minute, schnupperte Lazika am Ausgleich, als Birol Albayrak per Distanzschuss das Tornetz streichelte - von außen wohlgemerkt. Danach war wieder Karsspor-Zeit. Olgun Aydemir tanzte auf links, Mandatoriccio wirbelte auf rechts, und in der Mitte wartete Cunha, wie ein Raubtier, das Blut gerochen hat. "Ich habe einfach gespürt, dass heute was geht", sagte der Doppeltorschütze später und zwinkerte. "Önder hat mir die Bälle serviert, als hätte er sie mit einer Schleife verpackt." Nach dem Seitenwechsel schien Türkgücü kurz den Gang rauszunehmen, doch das war nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm. In der 68. Minute wiederholte sich die Szene aus der ersten Hälfte: Bilgin flankte, Cunha vollstreckte. 2:0 - und Trainer Nasa klatschte zufrieden in die Hände. Zehn Minuten später drehte sich der Spieß um: Dieses Mal war Bilgin der Vollstrecker, Milosevic der Vorlagengeber. Der 23-jährige Rechtsaußen drosch den Ball nach feiner Hereingabe humorlos unter die Latte - 3:0, das Stadion stand Kopf. "Ich hab’ gar nicht gezielt", grinste Bilgin später in der Mixed Zone. "Ich wollte eigentlich flanken - aber wenn’s passt, passt’s." Lazika SK? Versuchte es zwar tapfer, aber mit nur einem mageren Schuss aufs Tor blieb man offensiv harmlos. Ihre "offensive Ausrichtung", wie sie taktisch deklariert war, blieb Theorie - oder wie ein Zuschauer auf der Tribüne treffend bemerkte: "Wenn das offensiv ist, will ich ihre Abwehr sehen." Auch die Statistik untermauert das Bild: Türkgücü gewann fast 60 Prozent der Zweikämpfe, spielte ausgewogen, aggressiv, aber kontrolliert. Lazika hingegen blieb bei langen Bällen und schwachem Pressing - eine Mischung, die selbst in der Kreisliga nur bedingt funktioniert. Kurz vor Schluss gönnte sich Nasa den Luxus, seine Youngster zu bringen: der 18-jährige Lokman Bilgin durfte für seinen älteren Namensvetter Önder ran, und auch Abwehrmann Liam Kenny bekam in der 90. Minute noch seine Einsatzprämie. Die Fans feierten jeden Ballkontakt, als stünde es 0:0 im Pokalfinale. Nach Abpfiff fasste Kapitän Leandro Barros das Spiel treffend zusammen: "Wir haben heute nicht nur gewonnen, wir haben Spaß gehabt. Und wenn du Spaß hast, fliegt der Ball von selbst ins Tor." Ob das nun Physik oder Poesie ist, bleibt offen - fest steht: Türkgücü Karsspor hat sich mit diesem 3:0 in die Spitzengruppe geschossen. Lazika SK dagegen reist mit einer Erkenntnis ab: Fußball ist ein Kontaktsport - besonders, wenn der Gegner ständig den Ball hat. Oder, wie ein älterer Fan auf der Heimtribüne beim Verlassen des Stadions seufzte: "Wenn die so weitermachen, muss ich mir bald eine Dauerkarte für die Champions League holen." Und wer weiß - bei diesem Karsspor ist das momentan gar kein so abwegiger Gedanke. 06.03.643987 12:12 |
Sprücheklopfer
Man hetzt die Leute auf mit Tatsachen, die nicht der Wahrheit entsprechen.
Toni Polster