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TuS Erndtebrück dreht das Spiel - und die Köpfe der Fans

Manchmal erzählt der Fußball Geschichten, die selbst Drehbuchautoren als zu kitschig ablehnen würden. Das Spiel zwischen TuS Erndtebrück und dem 1. FC Kleve am 19. Spieltag der Regionalliga C war genau so ein Fall: 0:2 hinten zur Pause, 3:2 am Ende. 3346 Zuschauer im Erndtebrücker Windschatten erlebten, wie aus Verzweiflung Euphorie wurde - und wie ein junger Engländer namens Jack Leech zum Helden des Abends avancierte.

Dabei begann alles nach Plan - allerdings aus Sicht des Gastvereins aus Kleve. Schon nach 21 Minuten schlug David Meissner eiskalt zu. Nach starker Vorarbeit von Yannick Maus zimmerte der rechte Mittelfeldspieler den Ball aus 18 Metern in die lange Ecke. TuS-Keeper Dennis Fischer streckte sich vergeblich. "Ich hab’ den Ball kommen sehen, aber er war so schnell, ich hätte eine Bahnschranke gebraucht", grinste Fischer später mit Galgenhumor.

Kleve blieb am Drücker, spielte mit 56 Prozent Ballbesitz die reifere Partie, und in der 41. Minute legte Leon Colquhoun nach. Nach feinem Doppelpass mit Meissner traf der Linksaußen trocken ins rechte Eck. 0:2 - und die Fans des TuS rieben sich die Augen. Trainer Sigurd Stuhl wirkte zur Pause so angespannt, dass selbst der vierte Offizielle vorsichtshalber Abstand hielt. "Ich hab’ den Jungs in der Kabine nur gesagt, sie sollen mal anfangen, Fußball zu spielen", knurrte Stuhl später. "Offenbar hat’s geholfen."

Denn nach dem Seitenwechsel zeigte Erndtebrück ein anderes Gesicht - im wahrsten Sinne des Wortes. Eric Fryer kam für Denis Larionow, und plötzlich war Bewegung im Spiel. Andres Santoyo, der schon in der 50. Minute Gelb gesehen hatte, kurbelte das Mittelfeld an, Xavi Sorribas wirbelte über links, und in der 63. Minute fiel der Anschlusstreffer: Sorribas, 20 Jahre jung, verwandelte nach einer Flanke des Innenverteidigers Ruslan Kowaltschuk - ja, richtig gelesen, des Innenverteidigers - zum 1:2. Der Jubel war fast so laut wie der Regen, der inzwischen über das Wittgensteiner Land fegte.

Nur vier Minuten später verwandelte sich das Stadion endgültig in ein Tollhaus. Timo Hein schickte den eingewechselten Fryer auf die Reise, der zog nach innen und traf flach ins kurze Eck - 2:2! "Ich dachte, ich lauf einfach mal", sagte Fryer hinterher lachend. "Und dann war da dieses Loch. Also hab ich halt geschossen." Pragmatismus, der sich auszahlte.

Kleve, bis dahin souverän, wirkte plötzlich nervös. Trainer Wilfried Kuhse gestikulierte wild an der Seitenlinie, während seine Mannschaft weiter auf Offensive setzte, aber kaum noch Struktur fand. "Wir haben zu früh gedacht, das Spiel sei durch", gab Kuhse später zu.

In der 79. Minute drohte die Erndtebrücker Aufholjagd zu kippen: Kowaltschuk, eben noch Assistgeber, sah nach wiederholtem Foulspiel Gelb-Rot. "Ich hab nur leicht berührt", behauptete er nach dem Spiel mit einem unschuldigen Lächeln, das dem Schiedsrichter vermutlich zu spät gekommen wäre.

Doch selbst in Unterzahl glaubten die Gastgeber an das Wunder - und sie bekamen es. In der 83. Minute kombinierte sich TuS noch einmal nach vorn. Santoyo zog nach einem Dribbling zwei Gegenspieler auf sich und legte quer auf Jack Leech. Der junge Mittelstürmer blieb cool, schob den Ball flach ins rechte Eck und ließ das Stadion explodieren. 3:2 - ausgerechnet der Mann, der in der ersten Halbzeit zwei Großchancen vergeben hatte, wurde zum Matchwinner. "Ich hab mir einfach gesagt: Diesmal geh ich nicht auf Kraft, sondern auf Gefühl", meinte Leech nach dem Spiel - und grinste, als ob er gerade die Champions League gewonnen hätte.

Die letzten Minuten waren ein einziger Abwehrkampf. Kleve drückte, Meissner und Colquhoun feuerten noch zwei gefährliche Schüsse ab, doch Fischer hielt den Sieg fest. Als der Schlusspfiff ertönte, rannte Trainer Stuhl auf den Platz und umarmte halb Mannschaft, halb Platzwart. "Ich bin stolz auf die Jungs. Und ehrlich gesagt: Ich hab keine Ahnung, wie wir das gemacht haben", sagte er später mit einem Augenzwinkern.

Die Statistik bestätigte den verrückten Spielverlauf: 8:8 Torschüsse, aber ein klarer Trend zugunsten der Moral. Kleve hatte mehr Ballbesitz, Erndtebrück mehr Herz. Und so endete ein lauer Maiabend im Sauerland mit einem kleinen Fußballmärchen.

Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich wollte zur Halbzeit schon heim. Gut, dass der Bus erst nach 90 Minuten fährt."

16.01.644000 11:27
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Jens Jeremies erinnert mich an den jungen Lothar Matthäus.
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