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Wenn 21.888 Zuschauer an einem lauen Aprilabend kollektiv den Atem anhalten, dann liegt das selten an der Geräuschkulisse einer vorbeifliegenden Mücke. Es liegt daran, dass TuS Hordel Fußball spielt - und das mit einer Leidenschaft, die an diesem Donnerstagabend den FT Schweinfurt schwindelig werden ließ. Mit 2:0 (1:0) siegte das Team von Trainerin Ute Finkeldy im Halbfinal-Rückspiel des Liga-Pokals (2. Liga Deutschland) und zog damit verdient ins Finale ein. Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt - und doch steckt sie voller kleiner Dramen, ironischer Wendungen und einem Hauch von Ruhrpott-Romantik. Schon in der 16. Minute zappelte der Ball erstmals im Netz: Altmeister Berndt Brand, 37 Jahre jung und immer noch mit der Eleganz eines sonntäglichen Frühschoppens, verwandelte eine Vorlage von Vincent Albinana eiskalt. "Vincent legt mir den Ball so perfekt auf, da hätte sogar mein Opa getroffen", grinste Brand später in die Mikrofone. Schweinfurt wirkte nach dem frühen Gegentreffer konsterniert - und blieb es auch. Trainer Kevin Ferry gestikulierte wild an der Seitenlinie, als wolle er mit bloßer Willenskraft das Spiel drehen. Seine Mannschaft? Drei Torschüsse in 90 Minuten, davon keiner wirklich gefährlich. "Wir hatten mehr Ballbesitz, aber Ballbesitz gewinnt keine Spiele", knurrte Ferry nach der Partie. Man konnte ihm kaum widersprechen: 50,7 Prozent Ballbesitz standen auf dem Papier, aber wer den Ball nur quer spielt, schreibt selten Geschichte. Hordel dagegen spielte schnörkellos, direkt, mit langen Bällen und einem geradezu altmodischen Drang zum Tor. "Wir haben gesagt: Wir hauen das Ding nach vorne und gucken, was passiert", verriet Trainerin Finkeldy mit einem Zwinkern. "Das ist keine Taktik aus dem Lehrbuch - aber manchmal ist Fußball eben einfach." Und einfach war auch das 2:0 kurz nach der Pause: Der 20-jährige Olav Anders traf in der 49. Minute nach Zuspiel von Marvin Fink - ein Tor, das sinnbildlich für die Kombination aus jugendlichem Mut und altem Hordeler Selbstverständnis stand. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", sagte Anders später, "ich hab einfach draufgehalten. Wenn man zu lange überlegt, ist der Ball schon wieder weg." Danach war die Partie im Grunde entschieden. Hordel kontrollierte das Geschehen, ohne die Kontrolle haben zu müssen. Schweinfurt versuchte es mit Anstand - und kassierte dafür immerhin zwei Gelbe Karten (Werner Bremer, 45., und Björn Ernst, 69.), die mehr Frust als Härte verrieten. Der Rest war ein Lehrstück in Sachen Effektivität: 17 Torschüsse für Hordel, nur drei für die Gäste. Kurz vor Schluss, in der 88. Minute, hatte Berndt Brand noch einmal die Chance auf seinen zweiten Treffer. Sein Schuss rauschte knapp am Pfosten vorbei, und vom Spielfeldrand war zu hören, wie Finkeldy lachend rief: "Berndt, du bist kein 25 mehr!" - Brand winkte nur ab. "Wenn ich den reinmache, hören Sie mich den ganzen Sommer nicht mehr aufhören zu erzählen", scherzte er später. Die Fans feierten ihre Mannschaft mit Sprechchören, die Tribüne bebte - und irgendwo zwischen Jubel und Bierdusche stand Torwart Jacob Montgomery, der einen ruhigen Abend verbracht hatte. "Dreimal musste ich eingreifen, das ist fast schon stressig", witzelte der Schlussmann. "Aber Hauptsache, wir stehen im Finale." Während die Hordeler Spieler ihre Runden drehten, wirkte Kevin Ferry auf der anderen Seite wie ein Mann, der lieber schon im Bus säße. "Wir haben es versucht, aber Hordel war heute einfach besser", sagte er sachlich. "Und wenn man ehrlich ist: Die hätten auch drei oder vier machen können." So endete ein Pokalabend, der wenig Zweifel ließ: TuS Hordel hat derzeit alles, was man braucht - Erfahrung, jugendlichen Elan und eine Trainerin, die weiß, wann sie die Zügel locker lassen muss. "Jetzt gönnen wir uns ein Bier", meinte Finkeldy, "und dann denken wir ans Finale." Ein Abend, wie er in Hordel wohl noch lange erzählt wird: mit Herz, Humor und zwei Toren, die den Traum vom Titel am Leben halten. Und irgendwo in Schweinfurt fragt man sich vermutlich noch immer, wie man so viel Ballbesitz haben kann - und trotzdem so wenig vom Spiel. 21.01.643997 08:12 |
Sprücheklopfer
Es ist egal, ob ein Spieler bei Bayern München spielt oder sonstwo im Ausland.
Erich Ribbeck