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Manchmal hat man den Ball, aber nicht das Spiel. UD San Luis führte am sechsten Spieltag der 1. Liga Mexico eindrucksvoll vor, wie man mit 57 Prozent Ballbesitz ein Heimspiel trotzdem gründlich verlieren kann. 0:4 hieß es am Ende gegen AD Veracruz - ein Ergebnis, das selbst den 42 926 Zuschauern im Estadio San Luis irgendwann nur noch müdes Schulterzucken entlockte. Schon nach vier Minuten war die Hoffnung in San Luis dahin. Der erst 19-jährige Henrich Ivana schlich sich auf der linken Seite an, bekam einen klugen Pass von Dorde Jolovic und schob überlegt zum 0:1 ein. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", gestand Heimtrainer Michael Meyer später mit einem gequälten Lächeln. "Aber der Junge hat einfach weitergespielt - vielleicht sollte ich das meinen Jungs auch mal empfehlen." Veracruz spielte sich danach in einen Rausch. Dorde Jolovic, der Vorbereiter des ersten Treffers, durfte in der 14. Minute selbst jubeln. Nach einem schnellen Doppelpass mit Carlos Marco jagte er den Ball unhaltbar ins Eck. Während San Luis noch den Einwurf reklamierte, lief Marco schon jubelnd in Richtung Eckfahne. Ein Sinnbild des Abends. Die Gäste wirkten in allem zielstrebiger, ruhiger, abgeklärter - obwohl sie weniger Ballbesitz hatten, schossen sie aus allen Lagen. 19 Torschüsse verzeichnete die Statistik, während San Luis gerade einmal zwei kümmerliche Versuche auf den Kasten brachte. Der Torhüter der Gäste, Isaac Onnington, soll in der Halbzeit gefragt haben: "Muss ich eigentlich hierbleiben, oder kann ich kurz duschen gehen?" Noch vor der Pause erhöhte wieder Carlos Marco in der 42. Minute. Der bullige Linksaußen bekam eine präzise Flanke von Pedro Jorge serviert, nahm den Ball volley und traf - so lehrbuchhaft, dass selbst die Fotografen kurz das Nachladen vergaßen. 0:3 zur Halbzeit, und auf den Rängen machte sich das Geräusch von Plastikbechern und Enttäuschung breit. Trainer Meyer reagierte in der Pause, brachte Daniel Galindo für den blassen Frank Kiefer. Viel änderte das nicht. "Wir wollten mutiger werden", erklärte er später, "aber offenbar hatten wir den Mut in der Kabine vergessen." Veracruz dagegen blieb eiskalt. Das Team von Nael Costa spielte weiter sachlich, fast gelangweilt, als sei das 0:3 nur ein Zwischenstand auf dem Weg zum Wochenendausflug. In der 69. Minute belohnte sich Marco ein zweites Mal: Nach feiner Vorarbeit von Ben Tal schlenzte er den Ball über den herauseilenden Torhüter Alberto Escudero - das 0:4, der endgültige Knock-out. "Wir wollten eigentlich kein Risiko mehr gehen", sagte Costa nach dem Spiel lächelnd. "Aber Carlos hat diesen besonderen Blick, wenn er riecht, dass der Torwart zu weit draußen steht." Neben ihm nickte der Doppeltorschütze bescheiden: "Ich wollte nur sicherstellen, dass wir nicht in Panik geraten - vier Tore sind beruhigender als drei." San Luis versuchte es weiter, mit viel Ballbesitz, aber kaum Ideen. Jacob Gady prüfte in der 28. Minute Onnington mit einem harmlosen Schüsschen, später durfte der junge Asbjorn Berre in der 79. Minute noch einmal draufhalten - mehr als ein laues Lüftchen kam nicht heraus. Der Rest war Stückwerk und Frust. Die Zuschauer verabschiedeten ihre Mannschaft trotzdem mit Applaus, vielleicht aus Mitleid, vielleicht, weil sie wussten, dass man solche Abende einfach abhaken muss. Veracruz hingegen jubelte ausgelassen, und selbst der sonst stoische Innenverteidiger Pal Lydersen ließ sich kurz zu einem Grinsen hinreißen - bevor er in der Nachspielzeit noch Gelb sah. "Ich wollte nur den Ball zurückholen", erklärte er. "Der Schiedsrichter meinte, ich hätte dabei den Gegner mitgenommen." Am Ende blieb eine Lehrstunde: Effektivität schlägt Ästhetik. UD San Luis hatte den Ball, Veracruz hatte den Plan - und Carlos Marco hatte einen Sahnetag. Vier Tore, drei Schützen, ein klarer Sieger: AD Veracruz. Oder, wie Trainer Costa es süffisant zusammenfasste: "Manchmal ist Fußball ganz einfach - man muss nur treffen." Und San Luis? Die werden wohl noch ein paar Tage lang üben, wie man aus viel Ballbesitz auch Tore macht. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wenn Ballhalten Punkte gäbe, stünden wir ganz oben." 29.03.643987 01:52 |
Sprücheklopfer
Wenn der Ball am Torwart vorbeigeht, ist es meist ein Tor.
Mario Basler