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74.969 Fans sahen am Samstagabend im Estadio Libertadores de América ein Spiel, das so heiß war wie der argentinische Sommerabend selbst - und ebenso launisch. Am Ende stand ein 2:2 zwischen dem FC Independente und Estudiantes La Plata, ein Ergebnis, das beiden Teams irgendwie nicht schmeckt, aber auch keiner Seite völlig unrecht gibt. Dabei hatte alles so verheißungsvoll für die Hausherren begonnen. Schon in der 12. Minute schickte Isaac More einen butterweichen Pass auf Caio Fortun, der keine Sekunde zögerte und den Ball eiskalt ins rechte Eck drosch. 1:0 - und die Tribünen bebten. Zwei Minuten später legte Domingo Meira nach, nach feinem Doppelpass mit Fortun. "Ich hab einfach instinktiv geschossen", lachte Meira später, "und gehofft, dass der Ball mehr weiß als ich." Er wusste es. Estudiantes aber ist kein Team, das sich in die Ecke drängen lässt. Trainer Roman Pilgram hatte sein Team offensiv eingestellt, und das zeigte Wirkung. Nach 25 Minuten kombinierte sich der Gast durch die rechte Seite, Mathias Weyenberg legte quer, und Tove Fischer vollendete trocken. 2:1 - und plötzlich war wieder Leben im Spiel. "Wir hätten das dritte Tor machen müssen", grantelte Independente-Coach Alemanne In Cologne nach der Partie. Und recht hatte er. Miguel Helguera hatte gleich dreimal die Chance, den Sack zuzumachen, doch Estudiantes-Keeper Asbjorn Aas hielt, als wolle er alle norwegischen Fjorde auf einmal verteidigen. Die zweite Halbzeit gehörte dann den Gästen. 19 Torschüsse insgesamt, fast doppelt so viele wie die Hausherren - Estudiantes drückte, presste, rannte. In der 58. Minute war es schließlich soweit: Louis Reich flankte von links, Weyenberg stieg am höchsten und köpfte ein. 2:2, und die 50,1 Prozent Ballbesitz von Independente fühlten sich plötzlich recht hohl an. Kurz darauf wurde Fortun verletzt ausgewechselt. Er humpelte vom Platz, Flüche auf Portugiesisch murmelnd. "Nur eine Prellung", beruhigte er später, "aber mein Schienbein kennt jetzt den Namen des Gegenspielers." Für ihn kam Albert Carvalho, der zwar rackerte, aber kaum Akzente setzte. Estudiantes witterte nun den Sieg. Zwischen Minute 70 und 90 rollte Angriff um Angriff auf das Tor von Constantin Haldan. Fischer traf in der 90. Minute beinahe zum 3:2, aber der Ball strich haarscharf am Pfosten vorbei. "Ich hab ihn schon drinnen gesehen", sagte Pilgram, "aber das Netz war wohl anderer Meinung." Taktisch blieb es ein offenes Duell: Beide Teams offensiv, aggressiv, mit vollem Einsatz - der Unterschied lag im Detail. Estudiantes suchte immer wieder den schnellen Konter, Independente hingegen vertraute auf kombinierte Kurzpässe. Dass die Tackling-Quote der Gäste mit 52,9 Prozent leicht besser war, passte ins Bild: Sie waren giftiger, bissiger, aber nicht effizienter. In der Nachspielzeit kam noch einmal Spannung auf, als Mateo Conceicao nach einem Konter frei vor Aas auftauchte. Doch der Schlussmann blieb cool, parierte mit dem Fuß und schrie seine Abwehr an, als wolle er sie gleich mit in die Kabine tragen. Nach dem Abpfiff klatschten sich die Spieler fair ab, während die Fans in Rot und Weiß diskutierten, ob das nun ein gewonnener oder ein verlorener Punkt war. "Beides", grinste Domingo Meira, "wir haben gewonnen, dass wir nicht verloren haben." Trainer In Cologne sah das nüchterner: "Wenn du 2:0 führst und am Ende 2:2 spielst, fühlt sich das an wie eine Niederlage. Aber wir haben Charakter gezeigt." Pilgram konterte trocken: "Wir haben Charakter gezeigt, weil wir überhaupt noch was gezeigt haben." So endete ein intensives, manchmal wildes Fußballspiel, in dem 90 Minuten Fußballromantik und Frust Hand in Hand gingen. Ein Abend voller Chancen, Schweiß und kleiner Dramen - ganz so, wie man es in Argentinien liebt. Und irgendwo im Stadion hörte man einen Fan seufzen: "Wenn sie so weiterspielen, werde ich alt, bevor wir Meister werden." Nun ja - besser alt mit Herzklopfen als jung ohne Leidenschaft. 21.02.643987 11:09 |
Sprücheklopfer
Wir sind nur Underducks.
Rainer Calmund