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Wer am Mittwochabend im Stadio Franco Ossola pünktlich um 20:30 Uhr auf seinem Platz saß, bekam Fußball, wie ihn Dramaturgen nicht besser hätten schreiben können: 2:2 endete das Duell zwischen AS Varese und dem FC Udinese - ein Ergebnis, das beiden Trainern Falten, den 38.129 Zuschauern aber beste Unterhaltung bescherte. Kaum hatte der Schiedsrichter angepfiffen, da war die Partie schon entfesselt. Varese stürmte los, als sei der Ball ein entlaufener Welpe. Bereits in der 5. Minute zahlte sich die offensive Ausrichtung von Trainer Georg Wagner aus: James Kober, der flinke Linksaußen, drosch nach Zuspiel von Dirck Houghtailing den Ball ins Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Kober später, "wenn man so früh trifft, glaubt man eine Weile, man hätte das Spiel erfunden." Udinese-Coach Emiliano Dicetutto brüllte in der Coaching-Zone wie in einer Opernarie: "Calma! Calma!" - doch seine Spieler dachten nicht daran. In der 26. Minute konterten die Gäste blitzsauber. Daniel Galili steckte durch auf Mattia Tomasi, der trocken zum 1:1 vollendete. "So ein Pass, der streichelt dich durchs Mittelfeld", schwärmte Tomasi später und schickte ein dankbares Zwinkern in Richtung seines Spielmachers. Varese ließ sich davon kaum beeindrucken. Mit 20 Torschüssen im gesamten Spiel (Udinese kam auf 11) war klar, wer das Zepter hielt - auch wenn der Ballbesitz mit 49,4 zu 50,6 Prozent fast ausgeglichen schien. In Minute 39 zeigte sich, dass rechte Mittelfeldspieler manchmal auch Magier sind: Xabi Barbosa zog nach einem Lauf über 40 Meter einfach ab, der Ball zischte unhaltbar ins lange Eck. Nathan Nelis, der den Angriff eingeleitet hatte, lief jubelnd zurück in die eigene Hälfte, als hätte er gerade persönlich den Pokal gewonnen. Mit 2:1 ging es in die Pause. Wagner wirkte zufrieden, aber nicht selbstgefällig. "Wir müssen das dritte machen, sonst gibt’s Ärger vom Fußballgott", sagte er halb im Scherz, halb in prophetischem Ernst. Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag - allerdings keinem musikalischen, sondern einem taktischen. Udinese wechselte in der 60. Minute den jungen Enrico Acri für den Torschützen Tomasi ein. Nur vier Minuten später besorgte Leonardo Iezzi nach Vorlage von Rene Poulin das 2:2. Poulin hatte kurz zuvor noch eine Gelbe Karte gesehen, offenbar mit stimulierender Wirkung: "Ich wollte zeigen, dass ich auch mit Gelb noch nützlich sein kann", lachte er später. Wagner reagierte mit frischen Kräften - Ferrando kam für Houghtailing, später auch Ostrander für Barbosa, und Vrooman ersetzte O’Dea. Doch all das brachte zwar Schwung, aber keine Erlösung. Kober, der Held der Anfangsphase, scheiterte in der 89. Minute ein letztes Mal an Udineses Torhüter Luca Lange, der seine Handschuhe zu kleinen Wundern verwandelte. "Ich hab ihn eigentlich schon drin gesehen", stöhnte Kober, "aber Lange hat wohl magnetische Finger." In der Schlussphase wurde’s wild: Gelbe Karte für Bailey Munro (80.), eine Verletzung von Rechtsverteidiger Jeno Bene (82.) - und jede Menge Hektik. "So was nennt man dann wohl italienisches Temperament", murmelte ein älterer Zuschauer auf der Tribüne, während sich auf dem Rasen die Emotionen entluden. Statistisch gesehen hatte Varese die Nase vorn: mehr Schüsse, leicht bessere Zweikampfquote (52,5 %), mehr Herzblut. Aber Udinese bewies Cleverness. Ihre "balanced counter"-Taktik - also abwarten, zuschlagen, verschwinden - ging auf. "Wir wollten das Publikum zum Schweigen bringen", erklärte Dicetutto nach der Partie, "am Ende haben sie gepfiffen, aber immerhin nicht auf uns." Wagner hingegen suchte die positiven Worte: "Wenn du so spielst und nicht gewinnst, dann ist das bitter. Aber lieber 2:2 mit Feuer als 1:0 mit Gähnen." So trennten sich beide Mannschaften versöhnt, aber nicht zufrieden. Die Fans in Varese dürften den Abend dennoch als Spektakel in Erinnerung behalten - mit Toren, Zittern, Fluchen und dieser bittersüßen Erkenntnis, dass Fußball manchmal kein Ergebnis-, sondern ein Gefühlssport ist. Oder, wie ein kleiner Junge beim Verlassen des Stadions sagte: "Papa, warum haben die aufgehört, bevor noch einer gewonnen hat?" - Eine Frage, die sich vermutlich auch beide Trainer stellten. 11.10.643996 06:16 |
Sprücheklopfer
Ich habe immer gesagt, dass ich kein Dauerläufer bin, sonst könnte ich ja gleich beim Marathon starten.
Mario Basler