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4869 Zuschauer froren sich am Mittwochabend in Haldensleben die Hände warm, doch wenigstens bot das Flutlicht der Regionalliga B etwas fürs Auge: beherzter Kampf, viel Einsatz - und eine Mannschaft, die einfach mehr vom Spiel wollte. Am Ende gewann die SSVg Velbert hochverdient mit 2:0 (0:0) beim Haldensleber SC, und wer die Statistik sah, rieb sich die Augen: 16 Torschüsse zu einem einzigen - das war Fußball-Mathematik ohne Interpretationsspielraum. Dabei begann alles so unspektakulär, dass mancher Fan auf der Tribüne wohl schon überlegte, ob der Glühweinstand noch offen hat. Nach drei Minuten setzte Niclas Gagnon für Haldensleben den einzigen Schuss aufs Velberter Tor ab - ein harmloser Versuch, der Gästetorhüter Albert Carvalho eher als Aufwärmübung diente. Danach übernahm Velbert das Kommando. Trainer Klaus Bock hatte seine Elf klar offensiv ausgerichtet, und die Blau-Weißen kombinierten geduldig, als wollten sie den Ball hypnotisieren. "Wir wussten, dass Haldensleben tief stehen wird. Also mussten wir sie müde spielen", erklärte Bock später mit einem zufriedenen Lächeln, das fast so breit war wie die Ballbesitzquote seiner Mannschaft: 62 Prozent. Doch der erste Durchgang blieb torlos. Bendt Sondergaard, der rechte Wirbelwind im Velberter Angriff, prüfte Torhüter Daniel Stoll mehrfach, aber der Haldensleber Schlussmann hielt, was zu halten war - und manchmal auch, was eigentlich nicht zu halten war. "Ich hab einfach gehofft, dass der Ball an mir hängen bleibt", grinste Stoll später, "und manchmal hat er auf mich gehört." Kurz vor der Pause wurde es dann doch noch hektisch: Drei Gelbe Karten für Velbert in weniger als 15 Minuten - offenbar hatte der Schiedsrichter beschlossen, auch mal in den Mittelpunkt zu rücken. "Das war kein böses Spiel", meinte Haldenslebens Trainer Marcel Mönner danach, "aber vielleicht wollte der Referee seine neue Karte ausprobieren." Zur zweiten Halbzeit wechselte Mönner seinen Keeper: Der 20-jährige Toni Sauso kam für Stoll, wohl um Erfahrung zu sammeln - oder Mut. Denn kaum vier Minuten später rappelte es im Netz. In der 49. Minute krönte Sondergaard seine starke Partie mit dem 0:1. Nach feinem Pass von Gianluigi Perrone zog der Däne von rechts in den Strafraum und traf trocken ins lange Eck. Sauso streckte sich vergeblich, und man konnte ihm ansehen, dass er innerlich kurz seine Berufswahl überdachte. "Ich hab’s kommen sehen, aber der Ball war schneller als mein Gedanke", gab der junge Keeper später ehrlich zu. Haldensleben wankte, fiel aber nicht. Mönner brachte zwei 17-Jährige - Joschua Kraft und Jannis Seiler - ins Spiel, ein mutiges Zeichen für den Nachwuchs. Doch die Gäste blieben am Drücker. Velbert spielte weiter offensiv, geduldig, fast stoisch. In der 71. Minute war es dann David Greenwald, der nach Vorarbeit von Sondergaard das 0:2 markierte. Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch: Pass in den Lauf, kurzer Blick, Schuss - Tor. Von Haldensleben kam danach wenig. Die Defensive kämpfte, rackerte, grätschte, aber Entlastung blieb ein Fremdwort. Immerhin: Die jungen Wilden zeigten Herzblut. "Das war kein Spiel für Feingeister", sagte Kapitän Kai Haase mit einem Schulterzucken. "Aber wir haben uns nicht hängen lassen." Velbert ließ die Kugel laufen, als gäbe es Punkte für Ballzirkulation. Laurent Delmas und Einar Villadsen dirigierten das Mittelfeld, Sondergaard tanzte weiter an der Außenlinie, als sei er bei einer Tanzshow angemeldet. Selbst als Villadsen in der 86. Minute Gelb sah, blieb die Stimmung gelassen. "Wir wollten das kontrolliert runterspielen", meinte Coach Bock nüchtern - was seine Mannschaft dann auch tat. Als der Schlusspfiff kam, war klar: Haldensleben hatte sich tapfer gewehrt, aber gegen diese Velberter Präzisionsmaschine war kein Kraut gewachsen. "Wir müssen lernen, mutiger zu sein", fasste Mönner zusammen. "Aber wenn ich sehe, wie unsere Jungs kämpfen, dann weiß ich, dass da was wächst." Vielleicht wächst da wirklich was - nur eben gegen eine Mauer aus Ballbesitz, Geduld und Kaltschnäuzigkeit. Für Velbert war es ein Sieg der Reife, für Haldensleben eine Lehrstunde in Sachen Geduld. Und für die Zuschauer? Ein Abend zwischen Frost, Frust und der leisen Hoffnung, dass das nächste Heimspiel etwas wärmer endet - auf der Tribüne und im Herzen. 27.11.643987 12:40 |
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Früher passten seine Freunde in einen Eisenbahnwaggon, heute in ein Goggomobil.
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