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Ein kalter Februarabend, Flutlicht, 7000 Zuschauer im Stadion an der Metallstraße - und am Ende ein Spiel, das man in Velbert wohl noch eine Weile diskutieren wird. SSVg Velbert besiegt den Sievershäger SV mit 4:2 (1:0), und das auf eine Art, die zwischen Spielfreude und Leichtsinn, zwischen Zauberfuß und Zitterphase pendelte. Trainer Klaus Bock stand nach dem Abpfiff mit hochgekrempelten Ärmeln in der Coaching-Zone und grinste: "Ich weiß nicht, ob ich mehr Herzrasen vom Spiel oder vom Kaffee hab’, aber Hauptsache drei Punkte." Seine Mannschaft hatte ihm zuvor ein Wechselbad der Gefühle beschert. Die erste Hälfte begann noch mit vorsichtigem Abtasten. Beide Teams spielten, als hätten sie Angst, das Gras zu beschädigen. Sievershagen hielt den Ball etwas länger - 51 Prozent Ballbesitz, man gönnt sich ja sonst nichts - aber Velbert hatte die klareren Szenen. Besonders Gianluigi Perrone auf der rechten Seite sorgte für Dampf, prüfte den jungen Gästekeeper Kevin Vogt gleich mehrfach. Dann, kurz vor der Pause, die Explosion: In der 44. Minute nahm Felipe Puerta Maß - und wie! Ein Schuss aus der zweiten Reihe, flach, präzise, unhaltbar. "Ich hab einfach gedacht: jetzt oder nie", sagte der 23-Jährige später und fügte lachend hinzu: "War wohl jetzt." 1:0 zur Pause, verdient und mit Applaus in die Kabine. Kaum fünf Minuten nach Wiederanpfiff zeigte Puerta erneut seine Klasse. Nach feiner Vorarbeit von Rechtsverteidiger Kai Kennedy zog der Mittelfeldmann aus ähnlicher Position ab - und wieder schlug der Ball ein. 2:0, und die Velberter Fans sangen, als ginge es um die Meisterschaft. "Felipe war heute unser Dirigent", lobte Sturmspitze Logan Davonport, der kurz darauf selbst für Musik sorgte. In der 56. Minute verwertete er eine butterweiche Hereingabe von Perrone zum 3:0. "Da musst du nur noch den Kopf hinhalten", grinste der englische Mittelstürmer - bescheiden, aber nicht ganz ehrlich: Sein Kopfball war ein kleines Kunststück. Doch wer Velbert kennt, weiß: Wenn’s zu gut läuft, wird’s gefährlich. Sievershagen, bis dahin eher unauffällig, witterte plötzlich Morgenluft. Der erfahrene Christopher MacQuarrie, 34 Jahre jung, traf in der 72. Minute nach einem Pass von Robin Hase zum 3:1. Nur zwei Minuten später drehte sich die Geschichte fast komplett: Hase selbst, der rechte Außenverteidiger, marschierte nach vorn wie ein Flügelstürmer und hämmerte den Ball zum 3:2 unter die Latte. "Da dachte ich kurz, wir schaffen das noch", gestand Gästetrainer Foll Fosten später. "Aber dann kam dieser Greenwald, und der hat uns den Stecker gezogen." Gemeint war David Greenwald, Velberts linker Flügelflitzer. In der 85. Minute setzte er nach Vorlage von Christoph Maurer den Schlusspunkt. 4:2 - und das Stadion bebte. Greenwald riss die Arme hoch, die Ersatzbank sprang auf, und Bock ließ sich zu einem kleinen Freudentanz hinreißen, der wohl in die Vereinsgeschichte eingehen wird. Statistisch war’s übrigens ausgeglichen: Sievershagen hatte mit 12:10 Torschüssen leicht die Nase vorn, auch im Ballbesitz lag das Gästeteam knapp vorne. Doch die Effizienz - und vielleicht auch die Spielfreude - sprachen für Velbert. "Wir haben nicht viel mehr gemacht als sonst", meinte Puerta, "aber heute war jeder Pass irgendwie ein bisschen verliebt." Kapitän Niko Röder sah das pragmatischer: "Wir haben’s fast verdaddelt, ehrlich. Aber am Ende zählt, dass wir’s nicht taten." Und so endete ein Abend, der alles hatte: Tempo, Tore, Zittern, kleine Dramen. Der 19-jährige Sievershäger Linksverteidiger Markus Weiss sah Gelb nach rustikalem Einsteigen gegen Perrone - und entschuldigte sich später artig: "War keine Absicht, der ist einfach zu schnell." Vielleicht war das die treffendste Analyse des Abends: Velbert war einfach zu schnell, zu spielfreudig, zu überzeugend in den entscheidenden Momenten. Dass sie dabei gelegentlich ins Wanken gerieten, machte das Ganze nur spannender. Zum Schluss meinte Trainer Bock augenzwinkernd: "Ich hab die Jungs gewarnt - wer 3:0 führt, sollte nicht anfangen, Sudoku zu spielen." In Velbert lachen sie über solche Sprüche. Und sie lachen gern - besonders nach einem 4:2, das mehr Drama hatte als manche Netflix-Serie. 10.06.643990 13:24 |
Sprücheklopfer
Es gibt Leute, die denken so, und es gibt Leute, die denken so. Das ist immer so, wenn viele Leute zusammenkommen.
Toni Polster