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Es war ein kühler Januarabend in Lichterfelde, aber auf dem Rasen brannte die Luft: BFC Viktoria besiegte am 6. Spieltag der Landesliga 30 den FV Wannsee mit 2:0 (0:0) und kletterte damit in der Tabelle weiter nach oben. 3623 Zuschauer froren sich die Finger wund - und sahen dafür eine zweite Halbzeit, die fast schon als Therapiesitzung für verkrampfte Offensivreihen durchgehen konnte. Die erste Halbzeit war ein Geduldsspiel. Viktoria dominierte, das war unübersehbar: 53 Prozent Ballbesitz, 20:2 Torschüsse - und doch blieb das Netz trocken. Luis Dietrich, der junge Linksaußen mit dem Selbstvertrauen eines erfahrenen Torjägers, drosch in den ersten 25 Minuten gleich vier Mal auf das Tor, jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis: Applaus statt Jubel. "Ich dachte irgendwann, das Tor ist verflucht", grinste er nach Abpfiff. Sein Trainer Carsten Schmidt sah das ähnlich, aber mit weniger Humor: "Wir hätten zur Pause schon 3:0 führen müssen. Stattdessen hat der Glühweinstand mehr zu tun gehabt als unser Stadionsprecher." FV Wannsee hingegen wirkte wie ein Tourist, der versehentlich in einer Sightseeing-Tour durch die eigene Hälfte gelandet war. Nur zweimal schossen die Gäste überhaupt aufs Tor - einer davon in der 36. Minute durch Karl Pan, der später selbstironisch meinte: "Ich wollte eigentlich flanken." Trainer Schmidt von Viktoria stand derweil mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und murmelte in Richtung seiner Ersatzbank: "Wenn das so weitergeht, muss ich selbst noch rein." Nach dem Seitenwechsel wirkte Viktoria entschlossener - und dann kam Evan Densham. Der 19-jährige Mittelfeldspieler hatte bis dahin unauffällig, aber fleißig gearbeitet. In der 67. Minute bekam er den Ball von Finn Friedrich zugespielt, nahm Maß und traf aus knapp 18 Metern flach ins rechte Eck. Ein Schuss wie ein Skalpell, präzise und eiskalt. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Densham später bescheiden. "Finn meinte danach, er habe das genauso geplant. Klar", lachte er. Von Wannsee kam auch danach wenig - ihre Angriffe endeten meist an Patrik Eder oder im Niemandsland zwischen Mittellinie und Eckfahne. Viktoria blieb dran, als wolle sie das 2:0 erzwingen. Und tatsächlich: In der 82. Minute war es wieder Densham, diesmal nach Vorlage von Jason Decker, der den Ball humorlos unter die Latte knallte. Das Stadion vibrierte, die Bank jubelte, und Trainer Schmidt erlaubte sich sogar ein Lächeln. "Evan hat heute das gemacht, was wir seit Wochen trainieren: den Ball nicht ins Tor tragen, sondern reinschießen." Kurz danach musste Viktoria allerdings mit einem Mann weniger auskommen. Der erst 17-jährige Knud Gerlach, der schon in der 78. Minute Gelb gesehen hatte, sah in der 86. Gelb-Rot. "Er hat den Gegner wohl zu leidenschaftlich umarmt", witzelte Co-Trainer Menzel später. Schmidt kommentierte das nüchtern: "Jugendlicher Überschwang. Aber lieber zu viel Feuer als zu wenig." Die letzten Minuten waren reine Kür. Wannsee versuchte, das Ergebnis wenigstens kosmetisch zu gestalten, doch es blieb beim Versuch. Torhüter Volker Riedel im Viktoria-Gehäuse fror sich fast die Handschuhe fest - zwei harmlose Schüsse in 90 Minuten sind kein Arbeitsnachweis. "Ich hab kurz überlegt, mir einen Tee bringen zu lassen", scherzte er. Am Ende standen 2:0 Tore, eine klare Statistik und ein Publikum, das zufrieden nach Hause ging. "Das war ein Schritt nach vorn", resümierte Trainer Schmidt. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Ballbesitz, sondern auch Biss haben." Sein Gegenüber, der sichtlich konsternierte Wannsee-Coach - er wollte lieber anonym bleiben - fasste es so zusammen: "Wir haben heute gesehen, was passiert, wenn man den Ball nicht so gern hat wie der Gegner." Und so bleibt vom Abend das Bild eines jungen, spielfreudigen BFC Viktoria, der seine Chancen endlich nutzte - und eines FV Wannsee, der wohl froh war, als der Schlusspfiff kam. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft mit Beifall, und irgendwo zwischen Kabinentür und Kaltgetränk hörte man Densham noch sagen: "Zwei Tore? Vielleicht mach ich nächste Woche wieder welche. Oder ich lass Luis mal ran." Ein Sieg mit Stil - und einem Schuss jugendlicher Unbekümmertheit. In der Landesliga 30 hat Viktoria an diesem Abend gezeigt, dass Statistik manchmal eben doch Tore schießt. 18.03.643987 04:58 |
Sprücheklopfer
Die Schweden sind keine Holländer - das hat man ganz genau gesehen.
Franz Beckenbauer