// Startseite
| Anpfiff |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein Abend, wie ihn die 3. Liga liebt - ein bisschen Chaos, ein bisschen Drama und ein ganzes Stadion, das sich fragte, ob man wirklich schon für die Rückrunde bereit ist. Vor 4500 Zuschauern im Bösinger Stadion unterlag der VfB Bösingen dem Gast aus Weiler im Allgäu mit 2:3, obwohl nach 45 Minuten alles nach einem Heimsieg roch. Dabei fing es für die Allgäuer durchaus verheißungsvoll an. In der 20. Minute traf Robin Born nach Vorarbeit von Michel Hierro zum 0:1 - ein Schuss aus gut 18 Metern, halb Volley, halb Zufall, aber eben drin. "Ehrlich gesagt, wollte ich flanken", grinste Born später, "aber manchmal küsst dich der Fußballgott eben auf den Spann." Bösingen aber schüttelte sich kurz, dann marschierte der 19-jährige Zülfü Tüfekci los, als hätte er nie etwas anderes getan. In der 32. Minute nahm er eine Vorlage von Artur Afzelius auf und drosch den Ball humorlos ins linke Eck - 1:1. Das war der Weckruf für die Gastgeber. Sechs Minuten später schickte Tüfekci seinen Stürmer Dimas Postiga mit einem butterweichen Pass steil, der Portugiese blieb eiskalt: 2:1. Das Stadion tobte. Trainer Charlie Brown, sonst eher der ruhige Typ, ballte die Fäuste an der Seitenlinie. "Da dachte ich, jetzt sind wir auf der Siegerstraße", gab er später zu. Doch wer den Fußball kennt, weiß: Straßen können plötzlich Schlaglöcher haben. Und Weiler fand gleich zwei davon. Nur vier Minuten nach Wiederanpfiff - die Bösinger noch beim Pausentee, die Fans beim Würstchen - traf Linus Berger für die Gäste. Ein klassischer Berger: links reingezogen, zwei Haken, und dann mit rechts ins lange Eck. Ausgleich, 2:2. "Ich hab gesehen, dass der Keeper einen Schritt zu weit draußen stand", erklärte Berger trocken, "da musste ich einfach abdrücken." Der VfB versuchte, wieder ins Spiel zu finden, hatte mehr Ballbesitz (knapp 51 Prozent) und insgesamt neun Abschlüsse, doch das Tor fiel auf der anderen Seite. In der 67. Minute köpfte Michael Siebert eine Flanke von Mark Herrmann zum 2:3 ein. Danach war Weiler plötzlich eiskalt und clever, Bösingen nervös und gelbgewarnt. Tal Zorea, bis dahin Abwehrchef mit Übersicht, holte sich erst in der 71. Minute Gelb - und in der Nachspielzeit die Ampelkarte. "Ich hab ihn kaum berührt!", rief er in Richtung Schiedsrichter, der nur müde den Arm hob. Auch Marco Roi sah Gelb (82.), nachdem er einen Konter rustikal stoppte. "Wir haben den Faden verloren", seufzte Bösingens Trainer Brown nach dem Abpfiff. "Die Jungs wollten zu sehr das 3:2 erzwingen - und haben dabei vergessen, dass Weiler auch noch mitspielt." Sein Gegenüber, Mino Raiola, grinste nur breit: "Ich hab den Jungs gesagt, sie sollen einfach Fußball spielen. Und wenn’s nicht klappt - dann halt Tore schießen." Die Statistik untermauert den offenen Schlagabtausch: 19 Torschüsse insgesamt (9:10 aus Sicht der Gastgeber), nahezu ausgeglichener Ballbesitz, aber Weiler mit dem besseren Ende. Auch die taktischen Ausrichtungen zeigten Parallelen - beide Teams offensiv, beide mit ausgewogenem Passspiel. Doch während Weiler effizient blieb, fehlte Bösingen nach der Pause die Präzision. In der 60. Minute bewies Raiola zudem ein glückliches Händchen: Mit der Einwechslung des 24-jährigen Michael Siebert kam der spätere Matchwinner aufs Feld. "Ich hab ihm gesagt: Geh raus und sei nervig", lachte Raiola, "das kann er gut." Als der Schlusspfiff ertönte, sank Dimas Postiga auf die Knie, während Tüfekci ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte. "So ist Fußball", murmelte der Youngster, "mal bist du der Held, mal bist du die Schlagzeile." Und die Fans? Die gingen mit gemischten Gefühlen nach Hause - einerseits enttäuscht, andererseits froh, Zeugen eines dieser Spiele gewesen zu sein, die man in Bösingen noch monatelang diskutieren wird. Vielleicht fasste es ein älterer Zuschauer auf der Tribüne am besten zusammen, als er sagte: "Schön war’s, aber gewinnen wär halt auch schön gewesen." Ein Satz, den man im Fußball wohl nie aus der Mode bringen wird. 01.12.643990 03:05 |
Sprücheklopfer
Für mich gibt es nur 'entweder-oder'. Also entweder voll oder ganz!
Toni Polster