Anpfiff
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Weiler im Allgäu fegt Alemannia Aachen mit 5:0 vom Platz

Manchmal genügt ein lauer Maiabend, ein volles Stadion und ein entfesselter Außenseiter, um Fußballromantik in Reinform zu erleben. Weiler im Allgäu, sonst eher als Postkartenmotiv denn als Torfabrik bekannt, zerlegte am Dienstagabend vor 13.095 Zuschauern die Alemannia aus Aachen mit 5:0 (3:0) - und das mit einer Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und taktischer Frechheit.

Schon nach sechs Minuten deutete sich an, dass dieser Abend für die Gäste kein Spaziergang durch die Allgäuer Hügellandschaft werden würde. Der 18-jährige James Hoskins, der aussieht, als würde er nachmittags noch Hausaufgaben machen, traf nach Pass von Jannick Fritsch zum 1:0. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste der blutjunge Rechtsaußen nach dem Abpfiff, "aber dann war der Ball halt im Netz - war auch okay."

Aachen wirkte überrascht, fast beleidigt. Trainer Kölsche Alemanne schickte seine Elf zwar mit offensiver Ausrichtung aufs Feld, doch was nützen 53 Prozent Ballbesitz, wenn der Gegner mit jedem Angriff gefährlicher wirkt? In der 20. Minute legte Linksverteidiger Eilert Olsson nach - per sattem Linksschuss nach feinem Zuspiel von Heinrich Foerster. "Ich hab selten so schön getroffen", lachte Olsson, während er sich noch den Rasen aus dem Bart wischte.

Spätestens beim 3:0 durch Fritsch kurz vor der Pause (44.) dämmerte es den Aachenern: Das wird heute nichts mehr. Weilers Trainer Mino Raiola - nicht zu verwechseln mit dem berühmten Spielerberater, wenngleich ähnlich temperamentvoll - brüllte an der Seitenlinie, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Unsere Jungs haben heute einfach Bock gehabt", sagte er später mit einem Augenzwinkern. "Und wenn sie Bock haben, dann wird’s gefährlich - auch für uns Trainerherzen."

Die Statistik erzählte eine kuriose Geschichte: Weiler mit nur 47 Prozent Ballbesitz, aber 15 Torschüssen gegen Aachens vier. Effektivität in Reinform. Aachen kombinierte, Weiler konterte - und traf.

Nach dem Seitenwechsel versuchte die Alemannia, das Spiel zu beruhigen. Doch Weiler blieb unverschämt effizient. Trainer Raiola wechselte in der 60. Minute gleich dreifach und brachte frische Beine - unter anderem Ben Meister, 19, der später noch seinen großen Moment haben sollte. Zuvor durfte sich allerdings Nael Aznar feiern lassen: In der 90. Minute vollendete er einen Pass von Nick Scherer eiskalt zum 4:0.

Das Stadion tobte, doch der Abend war noch nicht vorbei. Nur eine Minute später setzte der eingewechselte Ben Meister noch einen drauf - 5:0! Vorlage: ausgerechnet Eilert Olsson, der damit zum Publikumsliebling des Abends avancierte. "Ich hab Ben gesagt: Lauf einfach. Der Rest ergibt sich", meinte Olsson mit einem Grinsen, das so breit war wie der Allgäuer Himmel.

Einziger Wermutstropfen: Michel Hierro, Weilers rechter Verteidiger, sah nach zwei Gelben in der 80. Minute die Ampelkarte. "Ein bisschen zu viel Leidenschaft", kommentierte Raiola trocken. "Aber lieber so als einschlafen." Selbst in Unterzahl ließ Weiler nichts mehr anbrennen - was auch daran lag, dass Aachen längst die Köpfe hängen ließ.

Gästetrainer Alemanne wirkte nach dem Spiel ratlos: "Wir wollten mit Ball Dominanz erzeugen, aber offenbar hatte Weiler andere Pläne. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal weniger über Ballbesitz reden und mehr über Tore."

Währenddessen sangen die Fans in Weiler noch Minuten nach Abpfiff, als ginge es um den Aufstieg. Und wer wollte es ihnen verdenken? Ein 5:0 gegen einen Traditionsverein wie Alemannia Aachen ist kein Alltagsgeschäft.

Der junge James Hoskins fasste das Gefühl des Abends wohl am besten zusammen: "Das war wie auf der Playstation - nur dass ich diesmal der war, der fünf Tore schießt." Ganz so war es zwar nicht, aber in Weiler wird man ihm diese Übertreibung gerne nachsehen.

So bleibt ein Abend, an dem ein Dorfklub Fußballgeschichte schrieb - mit Tempo, Witz und einer gehörigen Portion jugendlicher Frechheit. Und irgendwo im Allgäu dürfte Mino Raiola heute Nacht noch leise lächeln - vielleicht beim Gedanken daran, dass sein Team mit 46 Prozent Ballbesitz fünf Tore erzielte.

Manchmal ist Fußball eben keine Mathematik, sondern pure Poesie - besonders, wenn sie nach Gras, Schweiß und Allgäuer Jubel klingt.

27.01.644000 22:28
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