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Ein kalter Januarabend, 5250 Zuschauer in Hagenow, Flutlicht und der Geruch von Bratwurst über dem Stadion - und am Ende ein einziger Moment, der alles entschied. AWO Hagenow unterlag am 7. Spieltag der 3. Liga Deutschland (2. Div) mit 0:1 gegen Weiler im Allgäu - ein Ergebnis, das nüchtern betrachtet verdient war, in seiner Entstehung aber eine kleine Ironie des Fußballs erzählt. Die Gäste aus dem Allgäu, angeführt von Trainer Mino Raiola, spielten von Beginn an so, als hätte man ihnen im Bus erzählt, dass jedes Tor doppelt zählt. 18 Torschüsse sprechen eine klare Sprache; lediglich der Ball wollte lange nicht hören. Schon in der 4. Minute prüfte der erst 18-jährige Ronald Bertram den Hagenower Keeper Ernesto Nunez, der mit einem Reflex die frühe Führung verhinderte. "Da dachte ich schon, das wird ein langer Abend", grinste Nunez später, und er sollte recht behalten. Weiler drückte weiter, schoss aus allen Lagen - Verellen, Siebert, Berger - doch das Tor schien wie vernagelt. Trainer Schmittel an der Seitenlinie von Hagenow rief in der 25. Minute seinem Team zu: "Leute, wir spielen auch mit!" - und tatsächlich, Peter Sestak versuchte es kurz darauf mit einem satten Schuss aus 18 Metern, der allerdings genau in die Arme des Gäste-Keepers ging. Das war’s dann auch fast mit Hagenower Offensivakzenten. Das taktische Bild war klar: Hagenow in gewohnt ausgewogener Formation, kein Pressing, dafür viel Ballgeschiebe im Mittelfeld (am Ende 51 Prozent Ballbesitz), während Weiler mit offensiver Ausrichtung und geduldigem Angriffsspiel immer wieder auf Lücken lauerte. Dass die Hausherren zur Pause mit 0:0 in die Kabine gingen, war mehr Glück als Plan. In der zweiten Hälfte änderte sich das Bild kaum - nur die Intensität nahm zu. Weiler brachte in der 60. Minute frische Kräfte: Cabrera, Rothe und Fritsch kamen. Letzterer sollte sich 9 Minuten später in die Herzen der mitgereisten Fans schießen. Es war die 69. Minute, als David Cabrera auf der linken Seite zwei Hagenower alt aussehen ließ, den Ball scharf in den Strafraum passte und Jannick Fritsch, gerade 20, im richtigen Moment den Fuß hinhielt. 0:1. Jubel, Staub, wildes Durcheinander. "Ich hab einfach draufgehalten, der Rest war Physik", sagte der sichtlich überforderte Matchwinner hinterher mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Ungläubigkeit pendelte. Hagenow versuchte danach das, was man freundlich als "Schlussoffensive" bezeichnen könnte. In der 70. Minute hatte Paul Petersen tatsächlich den Ausgleich auf dem Fuß, doch sein Schuss streifte nur die Latte. Trainer Schmittel schlug die Hände vors Gesicht - und blieb in dieser Pose etwa drei Minuten lang. "Wir haben alles gegeben, was wir hatten. Leider war das heute nicht so viel", sagte er später trocken. Die Gäste dagegen spielten die letzten 20 Minuten clever herunter. Selbst Innenverteidiger Daniel Philipp, sonst eher für rustikale Defensivarbeit bekannt, tauchte noch zweimal im Strafraum auf und zwang Nunez zu Glanzparaden. Der Hagenower Torhüter war der einzige Grund, warum das Ergebnis am Ende nicht höher ausfiel. In der 73. Minute sah Deha Parlak noch Gelb für ein übermotiviertes Einsteigen - sinnbildlich für den Abend: viel Wille, wenig Wirkung. Nach dem Abpfiff gratulierten sich die Teams fair, und während Weiler im Allgäu die drei Punkte bejubelte, blieb Hagenow mit der Erkenntnis zurück, dass Ballbesitz allein keine Tore schießt. "Wir wollten ruhig aufbauen, aber irgendwie blieb der Ball ständig beim Gegner hängen", seufzte Kapitän Münch. Sein Trainer ergänzte: "Wir haben 51 Prozent Ballbesitz gehabt - aber nur zwei Schüsse aufs Tor. Da stimmt die Mathematik einfach nicht." Für Weiler im Allgäu war es ein Auswärtssieg der Sorte "Arbeit, Schweiß und endlich mal Glück". "Endlich hat einer den Fuß da, wo er hingehört", grinste Coach Raiola, der ansonsten mit Pokerface an der Linie stand. So endet ein Spiel, das keiner so schnell vergessen wird - zumindest nicht in Hagenow, wo man sich vermutlich noch ein paar Tage fragen wird, wie man mit mehr Ballbesitz und weniger Ideen verlieren kann. Und irgendwo im Allgäu wird ein junger Mann namens Jannick Fritsch am Frühstückstisch sitzen, seine Kaffeetasse heben und denken: "Ein Tor ist ein Tor - egal, wie viele Chancen man dafür braucht." 29.03.643987 13:46 |
Sprücheklopfer
Wenn man mir die Freude am Fußball nimmt, hört der Spaß bei mir auf!
Thomas Häßler in seiner Dortmunder Zeit