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Ein lauer Sommerabend im Allgäu, 14.880 Zuschauer, eine Flutlichtstimmung wie gemalt - und mittendrin ein Weiler im Allgäu, der Alemannia Aachen mit 2:0 besiegt und dabei so souverän auftritt, dass man fast geneigt ist, von einer kleinen Fußball-Lektion zu sprechen. Die Hausherren schießen 23 Mal aufs Tor, dominieren mit 50 Prozent Ballbesitz (gefühlt waren es 70) und lassen dem Traditionsklub aus dem Westen kaum Luft zum Atmen. Schon die erste Minute ließ erahnen, was folgen sollte: Jannick Fritsch prüfte den Aachener Keeper Juan Pablo Travassos mit einem Schuss aus 18 Metern - der Ball klatschte an den Pfosten, das Publikum war sofort da. "Da wusste ich, das wird heute kein Spaziergang", gestand Travassos später mit einem gequälten Lächeln. Weiler-Coach Mino Raiola, sonst eher der Mann für markige Sprüche, zeigte sich an der Seitenlinie erstaunlich ruhig. Vielleicht, weil seine Elf einfach lief wie geschmiert. Die Offensivreihe mit Nael Aznar, Michael Siebert und Fritsch wirbelte die Aachener Defensive derart durcheinander, dass man sich fragte, ob die Gäste überhaupt mitbekamen, dass das Spiel begonnen hatte. In der 23. Minute wurde der Druck schließlich belohnt. Nach einem herrlichen Solo von Rechtsverteidiger Michel Hierro, der plötzlich wie ein Flügelstürmer wirkte, landete der Ball bei Michael Siebert. Der 27-Jährige nahm Maß und drosch die Kugel in die linke Ecke - 1:0! "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Siebert später, "aber dann hab ich’s mir anders überlegt." Aachen versuchte es mit Offensivgeist - zumindest laut Taktikzettel: "Offensive Ausrichtung", stand dort. In Wahrheit aber wirkten sie wie eine Band, die das Schlagzeug vergessen hat. Vier magere Torschüsse in 90 Minuten, zwei davon eher als Rückpässe zu werten. Trainer Kölsche Alemanne rang nach Worten: "Wir wollten mutig sein, aber irgendwie war der Mut wohl noch im Bus." Nach der Pause ging es ähnlich weiter. Weiler kontrollierte das Geschehen, kombinierte gefällig, und der Ball lief durch die Reihen, als wäre er an einem unsichtbaren Faden befestigt. In der 60. Minute brachte Raiola frische Kräfte: Jürgen Linke kam für Torschütze Siebert, Herman Sundström ersetzte Dimas Allegri, und Emil Musiala übernahm für Nick Scherer das Mittelfeld. "Ich wollte nochmal Tempo reinbringen", erklärte Raiola, "und ein bisschen Chaos schadet nie." Fünf Minuten später zahlte sich der Wechsel aus. Sundström, gerade erst auf dem Platz, flankte präzise auf den heranstürmenden Aznar - und der traf volley zum 2:0 (65.). Ein Treffer, der die 14.880 auf den Rängen in kollektiven Jubel versetzte. Aznar, 22 Jahre jung und mit jugendlicher Unbekümmertheit, sagte hinterher: "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du zu viel nachdenkst, geht’s meistens daneben." Aachen reagierte mit Gelben Karten statt Torchancen - Hans Kunz (57.) und Nuno Pinto (72.) sahen den Karton für Frustfouls. Bei Weiler kassierte Hierro (70.) ebenfalls Gelb, als er nach einem energischen Zweikampf zu deutlich applaudierte. "Ich wollte nur meine Begeisterung zeigen", verteidigte er sich später schmunzelnd. In den letzten Minuten spielte Weiler das Ergebnis souverän herunter, obwohl Aznar sich in der 83. Minute noch eine Verwarnung abholte - wohl aus purer Spielfreude. Die Gäste versuchten, mit langen Bällen noch einmal Druck zu erzeugen, aber die Allgäuer Abwehr um Damian Rueda und Heinrich Foerster stand felsenfest. "Wir haben heute gezeigt, dass wir nicht nur kämpfen, sondern auch kicken können", resümierte Raiola nach dem Abpfiff. Sein Gegenüber Alemanne nickte anerkennend: "Weiler war klar besser. Uns hat die Wurst vom Grill gefehlt - und das Feuer im Spiel." Statistisch war die Sache ohnehin eindeutig: 23:4 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe für die Gastgeber - ein Sieg, der in seiner Deutlichkeit keine Fragen offenließ. Als die Fans nach Schlusspfiff noch in der Abendsonne das Stadion verließen, hörte man einen älteren Herrn murmeln: "So spielt man Fußball im Allgäu - bodenständig, präzise und mit einem Lächeln." Besser lässt sich dieser 2:0-Abend kaum zusammenfassen. Und irgendwo hinter der Haupttribüne, zwischen Bratwurstduft und Bierbechern, hörte man Trainer Raiola lachend sagen: "Vielleicht sollte ich mir doch mal ’ne Sonnenbrille zulegen - das Strahlen meiner Jungs blendet mich langsam." Ein Heimsieg mit Stil, einem Schuss Humor und ganz viel Herz - Weiler im Allgäu bleibt die charmanteste Überraschung der Liga. 30.06.644003 23:03 |
Sprücheklopfer
Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt.
Mario Basler