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Wenn 13.777 Fans an einem Freitagabend den Weg ins Stadion von Weiler im Allgäu finden, dann wissen sie offenbar, was sie erwartet: frische Bergluft, deftige Stadionwurst - und Fußball mit Schmackes. Am 17. Spieltag der 3. Liga Deutschland (2. Div) bekam DJK Rosenheim all das serviert, allerdings ohne den letzten Punkt auf der Speisekarte. Nach 90 Minuten hieß es 3:0 für die Gastgeber, die von Trainer Mino Raiola so offensiv eingestellt waren, dass selbst der Mannschaftsbus wahrscheinlich auf Abseits stand. Schon in Minute vier durfte das Publikum zum ersten Mal jubeln. Michael Siebert, der rechte Wirbelwind aus Weiler, traf nach feinem Zuspiel von Diego Morte eiskalt ins Netz. Rosenheims Keeper Miguel Dominguez streckte sich vergeblich, und Siebert grinste später: "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn der Ball rein will, dann will er rein." Trainer Raiola kommentierte trocken: "Wir üben das nicht im Training, das ist pure Intuition - oder Zufall. Schwer zu sagen." Rosenheim versuchte, den Schock zu verdauen, doch Weiler roch Blut. Nach 22 Minuten klingelte es erneut: Diesmal war es Rechtsverteidiger Michel Hierro, der nach Pass von - natürlich - Michael Siebert zum 2:0 einschob. "Ich dachte erst, er flankt", stöhnte Gästecoach Kamil Breer später, "aber dann hat er einfach draufgehalten. Da kannst du als Trainer nur höflich applaudieren." Die Gäste wirkten bemüht, aber überfordert. Drei Schüsse aufs Tor in 90 Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Immerhin: Die jungen Rosenheimer, Durchschnittsalter knapp 18, hielten tapfer dagegen - manchmal etwas ungestüm. In der 9. Minute sah Linksverteidiger Richard Schmid Gelb, später folgte Kollege Jake Cochrane (37.). Kurz darauf musste Cochrane verletzt raus, eine Szene, die Trainer Breer die Stirn runzeln ließ: "Wir haben mehr Pflaster als Punkte in dieser Saison." Weiler im Allgäu hingegen spielte weiter nach vorn, als hätten sie nie etwas anderes gelernt. 18 Torschüsse, fast ausgeglichener Ballbesitz (51 zu 49 Prozent), aber deutlich mehr Biss in den Zweikämpfen - 57 Prozent gewonnene Duelle sprechen für sich. Kurz vor der Pause schepperte es fast noch einmal, als Nick Scherer einen Distanzhammer losließ, den Dominguez gerade noch mit den Fingerspitzen abwehrte. Nach der Halbzeit schaltete Weiler kurz in den Verwaltungsmodus - um dann in der 78. Minute endgültig das Licht auszuknipsen: Der eingewechselte Jürgen Linke bereitete vor, Dimas Allegri vollendete mit einem Schlenzer zum 3:0. Das Stadion tobte, und Allegri, gerade einmal 20 Jahre jung, klatschte mit den Fans an der Bande ab. "Ich hab einfach Spaß da draußen", sagte er später mit einem Lächeln, das jeden PR-Berater glücklich gemacht hätte. Mino Raiola, sonst nicht unbedingt als Mann der leisen Töne bekannt, zeigte sich fast gerührt. "Das war erwachsen. Wir haben früh Druck gemacht, das Spiel kontrolliert, und hinten nichts zugelassen. So muss man zu Hause auftreten." Auf die Frage, ob er das Team jetzt zum Aufstieg führe, grinste er nur: "Ich bin Italiener. Ich denke immer an große Dinge." Kamil Breer dagegen hatte Mühe, den Humor zu bewahren. "Wir haben eine junge Mannschaft. Die lernen heute, wie weh Fußball tun kann. Aber lieber heute als in einem Relegationsspiel." Dann drehte er sich zu seinem Co-Trainer und murmelte: "Und vielleicht üben wir nächste Woche, wie man den Ball auch mal länger als drei Pässe hält." Die Zuschauer gingen beschwingt nach Hause, viele mit dem Gefühl, ein kleines Fußballkunstwerk gesehen zu haben. Weiler im Allgäu war an diesem Abend schlicht eine Klasse besser - lauffreudig, kreativ, zielstrebig. Rosenheim hingegen wirkte wie ein Schülerorchester, das plötzlich mit den Philharmonikern auftritt: bemüht, aber übertönt. Zahlen bestätigen den Eindruck: 18:3 Torschüsse, 3:0 Tore, 56,8 Prozent gewonnene Zweikämpfe - und ein gegnerischer Torwart, der trotz drei Gegentreffern noch zu den Besten seines Teams gehörte. Am Ende fasste es Stadionsprecher Franz "Fränkie" Huber mit gewohntem Allgäuer Charme zusammen: "Des war Fußball, wie ma’n gern sieht. A bissl Tempo, a bissl Technik - und koa Gschmarri." Und tatsächlich: Weiler spielt derzeit, als gäbe es auf dem Dorfplatz Champions-League-Luft zu schnuppern. Das Schlusswort gehört Michael Siebert, dem Mann des Abends: "Manchmal läuft’s einfach. Und wenn nicht - dann hilft’s, wenn man im Allgäu spielt. Da weht einem der Wind wenigstens in die richtige Richtung." Ein Fußballabend wie gemalt: klar, frisch, und mit drei Punkten, die in Weiler noch lange nachhallen werden. 12.12.643999 14:53 |
Sprücheklopfer
Das war ein Schritt zurück, aber kein Rückschlag.
Rudi Assauer