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Weiler im Allgäu überrollt VfB Bösingen mit frühem Doppelschlag

Wenn ein Fußballspiel eigentlich schon nach fünf Minuten entschieden ist, dann kann man sich als Reporter gemütlich zurücklehnen - theoretisch. Praktisch musste man am Montagabend im Allgäuer Stadion trotzdem 90 Minuten lang staunen, wie der SV Weiler im Allgäu den VfB Bösingen mit 2:0 (2:0) nach Hause schickte - und das, obwohl das Ergebnis den Spielverlauf fast schmeichelhaft für die Gäste darstellt.

Vor 14.756 Zuschauern, die den lauen Sommerabend eher als Fest als als Ligaspiel verstanden, begann Weiler, als hätte Trainer Mino Raiola heimlich den Espresso durch Nitro getauscht. Bereits in der ersten Minute klingelte es - Nick Scherer, der umtriebige Mittelfeldmotor, nahm einen Pass von Rechtsverteidiger Oliver Breadalbane auf und versenkte den Ball trocken ins linke Eck. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Scherer später, "aber wenn man schon mal trifft, dann gleich richtig."

Kaum hatte sich der Stadionsprecher vom Jubel erholt, schlug es erneut ein: Der 17-jährige Ophir Kashtan, der schon in der Jugend als Wunderkind gilt, verwertete eine weitere Vorlage von Breadalbane zum 2:0 (5.). "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der Teenager. "Coach Raiola sagt immer: Wenn du den Ball siehst, dann sieh das Netz." Es war die Art von Selbstbewusstsein, die man nur mit jugendlicher Unbekümmertheit erklären kann - oder mit 28 Torschüssen.

Denn die Gastgeber spielten sich in einen Rausch. 63 Prozent Ballbesitz, 60 Prozent gewonnene Zweikämpfe und eine Schussstatistik, die jedem Datenanalysten die Brille beschlagen lässt: 28:1 Torschüsse. Bösingen dagegen wirkte überfordert, als hätten sie versehentlich ein Handballspiel gebucht. Ihr einziger gefährlicher Abschluss kam in der 77. Minute von Zbigniew Scherfke - ein Schuss, der in der Theorie gefährlich war, in der Praxis aber ein Souvenir für den Balljungen hinter dem Tor.

Weiler dagegen spielte, als wollten sie die Latte für "chancenloser Gegner" neu definieren. Nael Aznar und Ben Meister prüften den Gästekeeper Rafael Graf gleich mehrfach, doch der junge Torwart hielt mit Hingabe und Reflexen, die man sonst nur in Computerspielen sieht. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte er nach dem Spiel. "Ab Schuss Nummer 20 hab ich einfach gehofft, dass der Ball mich trifft."

Trainer Raiola zeigte sich nach dem Spiel zufrieden - und leicht ironisch: "Wir wollten offensiv beginnen. Dass wir dann gleich zwei Tore machen, war natürlich nicht in der Präsentation vorgesehen. Danach haben die Jungs wohl gedacht, sie spielen FIFA auf leicht."

Einziger Wermutstropfen für Weiler: In der 30. Minute verletzte sich Stürmer Jannick Fritsch, der humpelnd vom Platz musste. Der erst 19-jährige Tomasz Stoll kam für ihn und fügte sich mit jugendlichem Elan ein. "Ich hätte gern auch ein Tor gemacht", gestand Stoll, "aber nach dem 25. Torschuss war mein Fuß beleidigt."

Bösingen-Coach (dessen Name man an diesem Abend besser verschweigt, um ihn vor weiteren Nachfragen zu schützen) suchte nach Erklärungen: "Wir hatten den Plan, kompakt zu stehen. Leider stand Weiler einfach überall." Eine treffende Analyse: Die Gäste wirkten über 90 Minuten so passiv, dass selbst das Stadionmaskottchen mehr Laufleistung hatte.

Die zweite Halbzeit verlief dann wie eine Wiederholung in Zeitlupe. Weiler dominierte weiter, traf aber nicht mehr. Kashtan, Scherer und Aznar versuchten es reihenweise, doch das Aluminium und Torwart Graf verhinderten Schlimmeres. "Wir hätten heute auch 5:0 oder 6:0 spielen können", sagte Breadalbane und grinste, "aber wir wollten ja höflich bleiben."

Als der Schlusspfiff ertönte, applaudierte das Publikum stehend - weniger aus Spannung, sondern aus Anerkennung für ein Team, das 90 Minuten lang fast perfekten Offensivfußball zeigte. Und für einen Gegner, der immerhin nie aufgab, auch wenn er den Ball selten sah.

Zum Schluss fasste es Raiola mit einem Augenzwinkern zusammen: "Wir haben gezeigt, dass Offensive auch eine Form der Verteidigung ist. Und dass man ein Spiel schon in fünf Minuten gewinnen kann - wenn man früh genug wach ist."

So bleibt Weiler im Allgäu weiter auf Kurs in der 3. Liga, während Bösingen wohl dringend ein Navigationsgerät für den Weg nach vorne braucht. Der Abend bewies: Fußball kann manchmal sehr einfach sein - zwei Tore, 28 Schüsse, 90 Minuten Dominanz. Und ein Publikum, das sich fragt, ob man für so etwas überhaupt Eintritt zahlen sollte oder ob das schon Kunst ist.

24.07.644003 03:20
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Ich habe ihn nur ganz leicht retuschiert.
Olaf Thon
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