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Wenn in Weiler die Flutlichtmasten glühen, riecht es nach Bratwurst, Gras und gelegentlich nach Sensation. Am Montagabend servierte der Dorfklub aus dem Allgäu dem favorisierten SV Bremen ein Fünf-Gänge-Menü der besonderen Art - 5:0 lautete das Endergebnis, und das schmeckte den 12.651 Zuschauern im kleinen Stadion wie ein Gourmetabend. Für Bremen dagegen war es eher Fastenzeit. Schon nach acht Minuten zappelte der Ball im Netz. Linus Berger, der bullige Linksaußen mit dem Charme eines Holzfällers, schraubte sich nach einem Pass von Robin Born in die Luft und köpfte den Ball unhaltbar in den Winkel. "Ich hab einfach draufgehalten - oder eher draufgeköpft", grinste Berger später. Kaum hatten die Bremer ihre Köpfe wieder gehoben, klingelte es erneut: Diesmal bediente Berger seinen Kollegen Born, der in der 15. Minute trocken zum 2:0 vollstreckte. Es war eine frühe Vorentscheidung - und die Gäste wirkten, als hätten sie den Anpfiff schlicht verpasst. "Wir hatten 53 Prozent Ballbesitz, aber leider in den falschen Zonen", kommentierte ein sichtlich genervter Bremer Trainer, der ungenannt bleiben wollte, nach dem Spiel. Die Statistik gab ihm recht: mehr Ballbesitz, aber nur sechs Torschüsse, während Weiler 23-mal abzog - und das mit chirurgischer Präzision. In der Pause soll Weilers Trainer Mino Raiola, sonst eher als Spielervermittler bekannt, in der Kabine nur einen Satz gesagt haben: "Spielt weiter so, die Bremer machen’s euch leicht." Und seine Mannschaft folgte der Anweisung mit Schweizer Uhrwerksdisziplin. In der 57. Minute legte Vlado Horvat nach - ein Rechtsschuss aus 18 Metern, flach, präzise, ohne Schnörkel. "Ich hab kurz überlegt, ob ich querlege", erzählte Horvat hinterher, "aber dann dachte ich, ach komm, das ist doch heute unser Tag." Er hatte recht. Sieben Minuten später war wieder Showtime: Der junge Jannick Fritsch traf zum 4:0, nachdem Born - der an diesem Abend mit drei Assists glänzte - ihn mustergültig bedient hatte. Der Jubel klang wie ein Donnerschlag durchs Tal, und selbst der Stadionsprecher kam kurz ins Stocken, bevor er die Torschützenliste aktualisierte. Doch Weiler hatte noch nicht genug. In der 81. Minute schnürte Fritsch seinen Doppelpack. Wieder war es Born, der den Ball wie am Reißbrett vorbereitet hatte. 5:0 - und noch fast zehn Minuten zu spielen. "Ich dachte, wir sollten jetzt vielleicht etwas Mitleid zeigen", schmunzelte Fritsch später, "aber dann fiel mir ein: Das hier ist Fußball, kein Streichelzoo." Bremen schaffte es in dieser Phase immerhin noch zu einem Torschuss - Joshua Kunkel prüfte in der 86. Minute den 17-jährigen Torwart Hanns Peter, der sein Pflichtspieldebüt gab. Der Youngster hielt den Ball sicher fest, als wäre es eine Trophäe aus purem Gold. "Ich hab den einfach nicht mehr losgelassen", lachte er hinterher. Einziger Wermutstropfen: In der 82. Minute sah Bremer Abwehrchef Lewis Michaud Gelb, nachdem er Fritsch etwas zu rustikal gestoppt hatte. "Ich hab den Ball gespielt", verteidigte er sich - allerdings war der Ball da schon drei Meter weiter. Als Schiedsrichter Brandt schließlich abpfiff, standen sich zwei Welten gegenüber: Weiler, das gerade den größten Sieg seiner jüngeren Vereinsgeschichte gefeiert hatte, und Bremen, das wie nach einem Hagelsturm seine Trikots auswringen musste. "So kann man in eine Saison starten", meinte Trainer Raiola trocken. "Wir haben offensiv gedacht, offensiv gespielt - und offensiv gewonnen." Dass seine Mannschaft laut Taktikdaten tatsächlich über 90 Minuten offensiv eingestellt war, passt ins Bild: kein Sicherheitsfußball, kein Ballgeschiebe, nur Spielfreude pur. Für Bremen bleibt die Erkenntnis, dass Ballbesitz allein keine Punkte bringt - schon gar nicht im Allgäu, wo offenbar auch die Kühe wissen, wie man einen Konter fährt. Zum Abschluss soll ein Zuschauer in der dritten Reihe gerufen haben: "Wenn’s so weitergeht, brauchen wir bald ein größeres Stadion!" Ein anderer antwortete: "Oder eine eigene Champions-League!" - Ironie? Vielleicht. Aber nach diesem Abend klang das gar nicht mehr so abwegig. Ein Fußballevent, das in Weiler noch lange nachhallen wird - und in Bremen hoffentlich ebenso, wenn auch aus ganz anderen Gründen. 11.11.643993 12:18 |
Sprücheklopfer
Wozu braucht meine Mannschaft Doping? Sie hat ja mich.
Otto Rehhagel