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Es gibt Spiele, bei denen man sich fragt, ob beide Mannschaften dieselbe Sportart betreiben. Das Duell zwischen Weiler im Allgäu und dem Chemnitzer FC am 15. Spieltag der 3. Liga war so eins. 6:0 hieß es nach 90 Minuten, und wer die Zahlen kennt, weiß: Das war noch schmeichelhaft für die Gäste. 24 Torschüsse der Gastgeber, null (!) von Chemnitz - das ist weniger eine Statistik als ein Hilferuf. Schon in der siebten Minute begann das Unheil für die Sachsen. Michael Siebert, der rechte Flügelwirbel aus Weiler, traf nach feiner Vorarbeit von Dimas Allegri zum 1:0. Ein Treffer, so präzise, dass man fast Mitleid mit Chemnitz’ Keeper Martin Medved haben musste - der an diesem Abend aber ohnehin die undankbarste Rolle spielte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", murmelte er später, halb lachend, halb fassungslos. Siebert war noch lange nicht fertig. In der 20. Minute legte er nach - diesmal nach einem Pass von Rechtsverteidiger Michel Hierro. 2:0, und man ahnte: Das wird ein langer Abend für die Gäste. "Wir wollten eigentlich tief stehen und auf Konter warten", erklärte Chemnitz-Trainerin Beate Merkel hinterher. "Das mit dem Kontern hat dann leider niemand übernommen." Während Chemnitz noch nach dem Anschluss suchte, demonstrierte Weiler, wie man Fußball spielt, wenn man einfach Spaß daran hat. Jannick Fritsch nickte in der 27. Minute nach Flanke von Robin Born zum 3:0 ein. Es war der Moment, in dem einige Chemnitzer Fans bereits mit Galgenhumor zu singen begannen - angeblich von "Wir woll’n den Ball mal seh’n" war die Rede. Nach der Pause ging das Feuerwerk weiter. Fritsch traf erneut (48.), diesmal nach Zuspiel von Diego Morte. Der junge Spanier, ohnehin einer der auffälligsten Spieler auf dem Platz, setzte später selbst noch einen drauf: In der 69. Minute schlenzte er den Ball aus 20 Metern ins Eck - 5:0. "Ich hab einfach geschossen, weil ich sonst eingeschlafen wäre", grinste Morte nach dem Spiel. Das 6:0 in der 78. Minute war schließlich Symbol pur: Der eingewechselte Jürgen Linke traf nach Vorlage von Born. Frisch, frech, unbeschwert - und völlig ohne Rücksicht auf die geschundenen Chemnitzer Seelen. Dass Weiler trotz der Toreflut noch kurzzeitig in Unterzahl spielte, passte zum absurden Verlauf. Innenverteidiger Asen Todorow sah erst Gelb (32.) und später Gelb-Rot (72.) - vermutlich um wenigstens irgendetwas an Spannung beizutragen. Trainer Mino Raiola kommentierte trocken: "Er wollte halt auch mal in die Kabine, bevor der Rasen komplett ruiniert ist." Die Gastgeber dominierten nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Statistiken: 53,9 Prozent Ballbesitz, 60 Prozent gewonnene Zweikämpfe, dazu unzählige Chancen. Chemnitz dagegen blieb in allen Belangen blass. Kein einziger Schuss aufs Tor, kaum Offensivaktionen, und als Krönung verletzte sich Rechtsverteidiger Atilay Eris in der Nachspielzeit. Raiola lobte nach dem Spiel die Disziplin seines Teams - und ließ es sich nicht nehmen, einen kleinen Seitenhieb zu setzen: "Wenn wir so weiterspielen, müssen wir bald Eintritt verlangen für die Trainingseinheiten. Das ist ja Unterhaltung pur." Die Chemnitzer wirkten derweil konsterniert. Kapitän Jacques Dubois fasste es zusammen: "Wir waren heute wie ein WLAN-Signal - manchmal da, meist weg." 14.172 Zuschauer sahen ein Heimteam, das nicht nur gewann, sondern zelebrierte. Die Fans feierten, als wäre Weiler schon aufgestiegen. Und wer ehrlich war, konnte es ihnen nicht verdenken: Dieses 6:0 war ein Fest. Zum Schluss fragte ein Reporter Michael Siebert, ob er mit zwei Toren und einer gefühlten Dauerpräsenz auf der rechten Seite zufrieden sei. Seine Antwort kam prompt: "Ich? Klar. Aber mein Vater hat gesagt, ich soll nie mit weniger als drei Toren nach Hause kommen." Chemnitz wird sich sammeln müssen, Weiler darf träumen. Und irgendwo im Allgäu wird in diesen Tagen wohl jeder zweite Satz mit "Weißt du noch, das 6:0 gegen Chemnitz?" beginnen. Kurz gesagt: ein Abend, an dem Fußball wieder Spaß gemacht hat - zumindest den einen. 19.11.643999 17:05 |
Sprücheklopfer
Ich bin wieder derjenige, der wo alles ausbaden muss.
Mario Basler