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Wenn im idyllischen Weiler im Allgäu Flutlicht brennt, dann riecht es nach Bratwurst, nasser Erde und Fußballromantik. 13.966 Zuschauer hatten sich am Sonntagabend zum 34. Spieltag der 3. Liga eingefunden - und sie bekamen ein Spiel, das an Spannung kaum zu überbieten war. Am Ende siegte der Außenseiter Weiler im Allgäu mit 3:2 (1:1) gegen den Chemnitzer FC, der sich trotz 60 Prozent Ballbesitz die Zähne an der leidenschaftlichen Allgäuer Defensive ausbiss. Dabei begann alles nach Plan für die Gäste. In der 7. Minute nutzte Lennard Weiss die erste Unachtsamkeit der Weiler-Hintermannschaft. Nach feinem Zuspiel von Callum Cromwell schob der 21-Jährige eiskalt ein - 0:1. "Ich dachte, das läuft jetzt von selbst", gab Chemnitz-Trainerin Beate Merkel später mit einem gequälten Lächeln zu. Tat es aber nicht. Nur fünf Minuten später antwortete Weiler mit einer Mischung aus Wut und Witz. Linus Berger, der Routinier im Sturm, nahm eine Flanke von Jannick Fritsch volley - und zimmerte den Ball humorlos ins rechte Eck. 1:1, und das Stadion klang plötzlich wie ein Dorffest nach Freibier. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du zu viel nachdenkst, fliegt der Ball auf die Kuhweide", grinste Berger nach dem Spiel. Die erste Halbzeit blieb ein offener Schlagabtausch. Chemnitz kombinierte gefällig, hatte durch Morriss und Cromwell einige gute Szenen, doch Torwart Hanns Peter - gerade einmal 17 Jahre jung - hielt, als wolle er seinen Platz im Religionsunterricht am Montag verteidigen. Weiler lauerte, biss in die Zweikämpfe (53 Prozent gewonnen) und schoss aus allen Lagen - 23 Torschüsse sollten es am Ende werden. In der Pause wirkte Heimcoach Mino Raiola erstaunlich gelassen. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn ihr schon weniger Ball habt, dann liebt ihn wenigstens, solange er euch gehört." Offenbar nahm man sich die Worte zu Herzen. Nach einer Stunde folgte die Wende. Erst kam Vlado Horvat ins Spiel - und wie! Kaum drei Minuten nach seiner Einwechslung verwandelte er einen Doppelpass mit Nick Scherer zum 2:1 (62.). Das Stadion bebte, und Horvat rannte jubelnd Richtung Trainerbank. Raiola? Blieb stoisch, kaute Kaugummi. "Ich wollte cool aussehen. Hat nicht geklappt, meine Knie haben gezittert", gab er später zu. Chemnitz reagierte nervös. Drei Minuten nach dem Rückstand schlug wieder Jannick Fritsch zu. Nach Vorarbeit von Samuel Erskine, der kurz darauf verletzt ausgewechselt werden musste, traf der 22-Jährige aus kurzer Distanz - 3:1 (65.). Der Jubel war so laut, dass man ihn vermutlich bis nach Kempten hörte. Doch Chemnitz wäre nicht Chemnitz, wenn sie sich kampflos ergeben würden. In der 86. Minute war es erneut Lennard Weiss, der nach einer Flanke von Carl Varela zum 3:2 einnickte. Plötzlich brannte wieder Licht im Spiel. "Da dachte ich kurz, wir machen noch den Ausgleich", meinte Weiss. Doch der Ball wollte einfach nicht mehr rein. In der Nachspielzeit wurde es hektisch: Gelb für Weilers Linksverteidiger Bernd Jahn (84.), Gelb für Chemnitz’ Joel Morriss (94.), ein Weitschuss von Heinrich Foerster in Minute 95, den Chemnitz-Keeper Christian Kessler mit den Fingerspitzen entschärfte. Raiola schrie noch einmal "Raus!", die Fans schrien "Abpfiff!", und dann war Schluss. Statistisch betrachtet war Chemnitz das dominantere Team - 60 Prozent Ballbesitz, zwölf Schüsse aufs Tor, aber zu wenig Effizienz. Weiler hingegen machte aus Leidenschaft und drei guten Minuten zwischen 62. und 65. den Sieg. "Manchmal ist weniger Ball einfach mehr Tor", fasste Raiola trocken zusammen. Auch Gästecoach Merkel nahm’s mit Fassung: "Wir haben den Gegner eingeladen, drei Tore zu schießen. Und er hat höflich angenommen." Als die Spieler von Weiler ihre Ehrenrunde drehten, blieben viele Fans noch auf den Rängen. Einer rief: "So spielt man im Allgäu!", und Linus Berger winkte zurück, als wäre er schon Meister. Vielleicht war er das auch - zumindest für eine Nacht. Ironischerweise schien der Fußballgott an diesem Abend selbst ein bisschen parteiisch. Die Sonne war längst hinter den Hügeln verschwunden, die Luft roch nach Gras und Glück. Und irgendwo in der Kabine von Weiler soll man nach Schlusspfiff "Drei Tore sind besser als zwei!" gesungen haben - ganz ohne Melodie, aber mit vollem Herzen. Manchmal reicht das. 15.02.643997 12:40 |
Sprücheklopfer
Wenn Lothar so weitermacht, wird er Schwierigkeiten haben, für sein Abschiedsspiel gegen die Nationalelf eine Mannschaft zusammenzukriegen.
Mario Basler