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Die 13.355 Zuschauer im altehrwürdigen Hammer Park hatten sich auf ein Spektakel zum Saisonauftakt gefreut - und sie bekamen es, zumindest für eine halbe Stunde. Am Ende aber stand ein ernüchterndes 1:3 (1:1) aus Sicht der West Hammers gegen ein Telford United, das seine Effizienz mit chirurgischer Präzision zur Schau stellte. Schon der Beginn hatte Tempo, Pfeffer - und jede Menge Offensivdrang. Telfords Joshua Corraface eröffnete den Torreigen in der 18. Minute, nach feiner Vorarbeit von Corey Lineback. Ein klassischer Stürmer-Treffer: ein schneller Ball durchs Zentrum, ein Haken, und dann zappelte das Leder im Netz. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Corraface nach dem Spiel, "und gehofft, dass der Ball nicht im Parkhaus landet." Doch die Freude der Gäste währte ganze 60 Sekunden. Im Gegenzug ließ Wests Routiniertester, Toto Pines-Paz, seine Klasse aufblitzen. Der 35-Jährige drückte eine butterweiche Flanke von Alfie Caroll über die Linie - 1:1 in der 19. Minute. Das Stadion tobte, Bierbecher flogen, und Trainer Toni Mückfeld ballte die Faust. "In dem Moment dachte ich, jetzt kippt das Ding", gab er später zu, "aber dann haben wir das Verteidigen wohl als optional betrachtet." Denn Telford blieb gefährlich, spielte forsch nach vorne und kam insgesamt auf 16 Torschüsse - sechs mehr als die Hammers. Der Ballbesitz sprach zwar mit 52 Prozent für die Hausherren, doch es war ein trügerischer Wert. Telford war schlicht direkter, schnörkelloser - und gnadenlos effektiver. Kurz nach der Pause schlug Thomas Thuringer zu. In der 46. Minute nutzte der Rechtsaußen einen Stellungsfehler in der Hammers-Abwehr und schob das 2:1 ins lange Eck. Die Vorlage kam ausgerechnet von Innenverteidiger Taylor Ross, der kurz zuvor Gelb gesehen hatte - offenbar ein Weckruf. "Ich hab mir gedacht, wenn ich schon verwarnt bin, kann ich wenigstens auch was Konstruktives machen", lachte Ross nach dem Spiel. West Hammers versuchten, den Rückstand zu drehen, doch blieben im letzten Drittel ideenlos. Vincent Morais prüfte Telford-Keeper Reece Onnington mehrfach, aber der 32-Jährige im Tor war an diesem Abend eine Wand. "Ich hab’ einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass er mich trifft", witzelte Onnington, als man ihn auf seine Paraden ansprach. In der 68. Minute dann der endgültige Nackenschlag: Albert Valentin, der schon zuvor mit drei Abschlüssen genervt hatte, krönte seine Leistung mit dem 3:1. Wieder war Lineback der Vorlagengeber - und wieder wirkte die Hammers-Abwehr wie auf Kaffeepause. "Das war zu einfach", murrte Mückfeld nach Abpfiff. "Wir haben gespielt, als ginge’s um einen Freundschaftskick im Park." Die letzten 20 Minuten waren dann ein Lehrbeispiel in Frustrationsbewältigung: West Hammers mit Ballbesitz, aber ohne Durchschlagskraft. Toto Pines-Paz rannte, kämpfte, haderte - und drosch in der 91. Minute noch einmal übermotiviert aus 25 Metern drauf. Der Ball segelte in die Nacht von London, vermutlich in die obere Etage eines Doppeldeckers. "Na ja, wenigstens hab ich den Bus getroffen", scherzte der Angreifer später selbstironisch. Telford-Coach - dessen Name sich die Hammers wohl besser merken sollten - lobte sein Team als "abgeklärt, diszipliniert und eiskalt". Und tatsächlich: Die Gäste spielten nie hektisch, selbst nach dem Gegentor nicht. Ihre offensive Grundausrichtung blieb konstant, während Wests "balancierte" Taktik zunehmend in die Schräglage geriet. Statistisch betrachtet hatten die Hammers mehr vom Spiel, aber weniger vom Leben: 52 Prozent Ballbesitz, 10 Torschüsse, aber nur ein Treffer. Telford dagegen nutzte drei seiner 16 Versuche - ein Wert, der jedem Trainer das Herz wärmt. Als die Spieler schließlich in die Kabinen trotteten, brandete höflicher Applaus auf - ein Dank der Fans dafür, dass sie zumindest 20 Minuten an ein Fußballwunder glauben durften. "Wir müssen das abhaken", sagte Mückfeld mit einem tiefen Seufzer. "Das war heute Lehrgeld." Und Toto Pines-Paz ergänzte trocken: "Wenn wir das nächste Mal wieder treffen, sollte es bitte ins richtige Tor sein." Ein Auftakt mit Licht und Schatten also: Telford United startet mit drei Punkten und breiter Brust in die Saison, während die West Hammers noch nach ihrer Balance suchen - auf dem Platz und vielleicht auch im Kopf. Kurz gesagt: ein Abend, der zeigte, dass Ballbesitz allein keine Spiele gewinnt - Tore schon. 09.06.643990 10:27 |
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Jeder kann sagen, was ich will.
Otto Rehhagel