Elfmeter
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Wilder Schlagabtausch in Crailsheim: Northeim gewinnt 5:4 nach Fußball-Feuerwerk

Es gibt Spiele, die der Fußballgott offenbar mit besonders spitzer Feder schreibt - das Duell zwischen dem TSV Crailsheim und Eintracht Northeim am 14. Spieltag der Verbandsliga D gehörte zweifellos dazu. 3078 Zuschauer im Crailsheimer Stadion bekamen ein Spektakel serviert, das irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. Am Ende siegte Northeim mit 5:4 (2:3), und so ziemlich jeder auf dem Platz hätte sich wohl einen doppelten Espresso verdient.

Schon die Anfangsphase versprach ein torreiches Drama. Northeims Routinier Louis Wilhelm, 37 Jahre jung, bewies in der 17. Minute, dass Erfahrung manchmal mehr zählt als Spritzigkeit. Nach einem cleveren Pass von Bernd Bader schob er den Ball eiskalt ins lange Eck - 0:1. Crailsheim antwortete jedoch in bester "Wir-lassen-uns-nicht-lumpen"-Manier: Erst traf Sergio Manuel (22.) nach feiner Vorlage von Adriano Miguel, dann drehte Jürgen Unger (23.) das Spiel binnen einer Minute. "Ich dachte, ich träume, als der zweite Ball schon wieder im Netz zappelte", grinste TSV-Kapitän Benyamin Kramer später.

Doch Northeim hatte noch lange nicht genug. Wieder war es Wilhelm, der in der 35. Minute den Ausgleich erzielte - diesmal nach einer punktgenauen Flanke von Rechtsverteidiger Karl Paul. Crailsheim schien kurz geschockt, rappelte sich aber noch vor der Pause auf. Erik Rose, der rechte Wirbelwind des TSV, traf in der 45. Minute nach Kramer-Vorarbeit zum 3:2. Der Jubel hallte noch, als Schiedsrichterin Claudia Rehm zur Pause pfiff - und manch einer in der Bratwurstschlange schwor, das Spiel sei jetzt entschieden.

War es natürlich nicht. Nach der Pause ging der wilde Ritt weiter. Sergio Manuel schnürte in der 62. Minute seinen Doppelpack - 4:2, und die Crailsheimer Fans wähnten sich im Fußballhimmel. Doch dann kam Northeim zurück wie ein Boxer, der plötzlich wieder Luft bekommt: Innenverteidiger Maximilian Krüger köpfte nur zwei Minuten später den Anschluss (64.), Jay Burton glich in der 80. Minute aus, und als alle schon über das "gerechte Unentschieden" nachdachten, schlug Lionel Ronaldo - ja, der heißt wirklich so - in der 90. Minute zu. "Da stand ich einfach richtig. Und ehrlich, den Namen muss man auch mal rechtfertigen", lachte der 20-Jährige nach Spielende.

Das Stadion fiel in eine kollektive Mischung aus Ungläubigkeit und Applaus. Crailsheim hatte alles gegeben, aber Northeim war an diesem Abend einen Tick gnadenloser. Trainer Tim Picke lobte seine Mannschaft: "Wir haben nie aufgehört, an uns zu glauben. Auch als wir 2:4 hinten lagen, war klar: Die Jungs wollen’s wissen." TSV-Coach (Name nicht angegeben, aber mit Sicherheit leicht gezeichnet) soll in der Kabine nur trocken gesagt haben: "Wer vier Tore schießt und trotzdem verliert, braucht keinen Taktikzettel, sondern einen Therapeuten."

Statistisch gesehen war die Partie erstaunlich ausgeglichen: 9 Torschüsse auf Seiten Crailsheims, 12 bei Northeim; Ballbesitz fast pari - 49 zu 51 Prozent. Und doch lag in der Luft, dass Northeim mit seinem Flügelspiel und der kompromisslosen Aggressivität (nicht umsonst zwei Gelbe für den TSV) den entscheidenden Unterschied machte. Besonders auffällig: Der Oldie Louis Wilhelm, der nicht nur doppelt traf, sondern auch ständig Coach Picke zurufen hörte: "Louis, bleib vorne!" - was dieser mit einem Augenzwinkern interpretierte: "Ich bleibe vorne, aber nur, wenn der Bus auch da hält."

Nach dem Abpfiff verabschiedeten sich beide Teams mit Applaus von den Fans. Crailsheim, erschöpft, aber stolz, Northeim, jubelnd und ausgelassen. "Das war Werbung für den Amateurfußball", meinte ein Zuschauer, während er sich den Schal enger zog. Ein anderer ergänzte: "Und für Herztabletten."

Am Ende hatte das Spiel alles, was man sich wünscht - außer vielleicht einen Sieger, der es verdient hätte, zu verlieren. Doch Fußball ist selten gerecht, und das ist vermutlich sein größter Charme.

Oder, wie Louis Wilhelm beim Hinausgehen murmelte: "Manchmal ist der Ball eben ein Philosoph - rund, aber voller Fragen."

Und so ging ein verrückter Abend zu Ende, an dem neun Tore fielen, keiner an Taktik dachte und 3078 Menschen mit dem Gefühl nach Hause gingen, Zeuge eines Fußballtheaters gewesen zu sein, das man nicht inszenieren kann.

Endstand: TSV Crailsheim - Eintracht Northeim 4:5 (3:2). Tore: Wilhelm (17., 35.), Manuel (22., 62.), Unger (23.), Rose (45.), Krüger (64.), Burton (80.), Ronaldo (90.). Gelbe Karten: Miguel (61.), Jakob (89.) - beide TSV. Zuschauer: 3078.

18.11.643999 02:10
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Erich Ribbeck
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