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Es war eines dieser Spiele, bei denen die Zuschauer kaum Zeit hatten, ihr Getränk abzustellen, bevor das nächste Drama über den Rasen rollte. Vor 27.000 Fans im Windsor-Dome lieferten sich die heimischen Windsor Astros und der favorisierte New Green FC ein 4:3-Spektakel, das in seiner Wildheit eher an ein Eishockey-Match erinnerte als an ein Qualifikationsspiel der Amerikaliga. Schon ab der ersten Minute war klar: Heute wird nicht taktiert, heute wird geflogen. Beide Teams starteten offensiv, als hätte man ihnen den Begriff "Mittelfeld" aus dem Wörterbuch gestrichen. Die Astros, angeführt von Trainerin Nicole Kei, setzten auf Flügelflitzer und Kurzpassspiel, während Gästecoach Martina Wen ihre New-Green-Offensive um Didier Haddington und Ashton Leech mit einer ausgewogenen, aber gnadenlosen Angriffsausrichtung aufs Feld schickte. Der erste Paukenschlag kam in Minute 30: Sergio Djalo, der zentrale Motor der Astros, nahm einen Pass von Rechtsverteidiger Alfred Obitz auf, drehte sich elegant und drosch den Ball mit solcher Präzision in die Ecke, dass Gästekeeper Ethan Lewis nur noch höflich hinterherwinken konnte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Djalo später, "aber dann hab ich’s mir anders überlegt." Vier Minuten später legte Ingo Domingos nach, diesmal nach Vorarbeit von Billy Lithgow - 2:0. Die Tribünen bebten, die Fans sangen, und auf der Bank der Gäste wurde hektisch mit Clipboards gewedelt. Doch statt Stabilität folgte Chaos: Didier Haddington, der schon vorher mehrfach gefährlich aufgetaucht war, traf in der 42. Minute nach feiner Kombination mit Ashton Leech zum 3:1-Anschluss. Das Publikum war kaum fertig mit dem kollektiven "Oh nein!", da schoss Marc Arias im direkten Gegenzug das 3:1 für Windsor - wieder nach Vorlage von Djalo. "Ich hatte eigentlich schon angefangen, mich über das Gegentor zu ärgern", gestand Trainerin Kei nach dem Spiel lachend, "aber Marc hat mir diesen Moment erspart." Halbzeitstand: 3:1. Man konnte den Geruch von Adrenalin förmlich riechen. Nach der Pause schien New Green FC entschlossener. Haddington, der seine rechte Seite wie ein Hochgeschwindigkeitszug beackerte, sorgte in der 61. Minute erneut für Spannung - wieder nach Vorarbeit von Leech. Als derselbe Doppelpack in der 69. Minute noch einmal zuschlug, diesmal zum 3:3, schien das Spiel zu kippen. "Ich dachte, wir müssen jetzt den Bus parken", meinte Spielführer Eric Eriksson später halb im Scherz. "Aber Nicole wollte weiter Vollgas." Und das zahlte sich aus: Kaum vier Minuten nach dem Ausgleich, in der 73. Minute, schlug wieder Djalo zu. Nach einem Sprint über rechts von Naim Topal landete dessen Hereingabe punktgenau bei ihm - 4:3. Das Stadion explodierte, und auch die Ersatzbank der Astros stand Kopf. Die Schlussphase war dann ein wilder Tanz aus Fouls, Gelben Karten und Nervenflattern. Alain Prinz hatte schon in der ersten Hälfte Gelb gesehen, Christophe Gage folgte in der 84. Minute - sinnbildlich für ein Team, das mit vollem Einsatz verteidigte. "Ich hab nur den Ball gesehen", beteuerte Gage später mit einem unschuldigen Lächeln, "der Schiedsrichter wohl nicht." Trainerin Kei wechselte clever: Lewis Eliot kam für Obitz, Slaven Modric ersetzte den müden Arias und Damian Szewczyk durfte für Domingos ran. Modric, gerade einmal 20 Jahre alt, brachte noch zwei gefährliche Abschlüsse zustande - einer davon in Minute 93, der beinahe das 5:3 bedeutet hätte. Statistisch sah das Spiel übrigens ganz anders aus, als das Ergebnis vermuten lässt: New Green hatte mehr Ballbesitz (56 Prozent) und passierte den Ball gefälliger, doch Windsor zeigte, was Effektivität bedeutet - 15 Schüsse aufs Tor gegenüber 10 der Gäste. Tacklings? Die Astros gewannen 52 Prozent davon, was Trainerin Kei mit einem stolzen "Wir hatten mehr Dreck unter den Stutzen" kommentierte. Nach dem Schlusspfiff umarmte Haddington, dreifacher Torschütze in der Niederlage, fair seinen Gegenspieler. "Wenn man dreimal trifft und trotzdem verliert, weiß man, dass man gegen ein verrücktes Team gespielt hat", sagte er. Und so endete ein Spiel, das wohl in die Chroniken der Amerikaliga-Qualifikation eingehen wird - als der Abend, an dem die Windsor Astros zwar weniger Ball, aber mehr Herz hatten. Oder, wie ein Zuschauer beim Hinausgehen murmelte: "Wenn das das Hinspiel war, dann will ich gar nicht wissen, was nächste Woche passiert." 05.03.643987 20:32 |
Sprücheklopfer
Jeremies hat in alter Manier um sich geschlagen.
Rainer Bonhof zu den Trainingseindrücken des während der WM 98 angeschlagenen Jens Jeremies