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Es war einer dieser Abende in Plock, an denen man sich fragt, ob das Flutlicht über dem Stadion heller leuchtet oder die Gesichter der Zuschauer. 44.345 Menschen drängten sich im Stadion, fröstelten im Januarwind - und wurden für ihr Durchhaltevermögen mit einem 3:2-Spektakel belohnt, das an Dramatik kaum zu überbieten war. Die erste Halbzeit? Nun ja, sie fand technisch gesehen statt. Beide Teams mühten sich, aber das Geschehen erinnerte eher an einen Schachabend im Seniorenheim als an Spitzenfußball der 1. Liga Polen. "Wir wollten abwarten", erklärte Wista-Trainer Bryan Adams später mit einem Grinsen, "aber dann haben wir gemerkt, dass auch das Warten anstrengend ist." Jarota Jarocin hatte etwas mehr Ballbesitz (53 Prozent), aber aus den elf Torschüssen der Gäste sprang ebenso wenig heraus wie aus den 13 Versuchen der Hausherren vor der Pause. Rui Simao, der flinke Portugiese auf der linken Seite, versuchte es früh (5. Minute) und später noch öfter, aber Torwart Pol Viana blieb zunächst unüberwindbar - oder Simao einfach etwas zu ehrgeizig beim Zielen. Nach dem Seitenwechsel explodierte das Spiel förmlich. In der 57. Minute schickte Rui Simao einen butterweichen Pass auf Jack Matheson. Der 33-jährige Engländer nahm Maß und drosch den Ball mit solcher Wucht ins Netz, dass selbst die Anzeigetafel kurz flackerte. Drei Minuten später revanchierte sich Matheson: Diesmal bediente er Simao, der nach Ferdi Tekkes Vorarbeit zum 2:0 traf. Zwei Angriffe, zwei Treffer - plötzlich tobte Plock. Doch Jarota Jarocin antwortete postwendend. Nur eine Minute später (61.) tauchte Cameron Lester im Strafraum auf, nahm den Ball volley und verkürzte auf 2:1. "Wir wollten zeigen, dass wir nicht zum Sightseeing hier sind", schnaufte Lester nach dem Spiel, "auch wenn die Aussicht auf die Tribüne ziemlich schön war." Die Partie kippte in ein wildes Hin und Her. Jarota-Coach Henryk Kasperczak fuchtelte unermüdlich an der Seitenlinie, während Bryan Adams, ganz Rock’n’Roller, seelenruhig an seiner Wasserflasche nuckelte. "Ich habe in meiner Karriere schon schlimmere Comebacks gesehen - zum Beispiel in meiner Plattensammlung", witzelte er später. In der 83. Minute dann der entscheidende Schlag: Marcel Gancarczyk, der 37-jährige Dauerläufer auf der rechten Seite, flankte präzise in den Strafraum, wo Rui Simao wieder stand - diesmal goldrichtig. Mit seinem zweiten Treffer des Abends stellte er auf 3:1. Das Stadion bebte, die Fans sangen, und Simao klopfte sich auf die Brust, als wolle er sagen: "Ich bin hier der Dirigent." Aber Jarota gab nicht auf. In der 87. Minute köpfte Marco Bosingwa nach Georgi Jelzins Vorlage das 3:2. Nur noch ein Tor Rückstand, und plötzlich schien alles möglich. In der Nachspielzeit (92.) hatte Andrzej Fojut sogar noch den Ausgleich auf dem Fuß, doch sein Schuss zischte knapp über die Latte. "Ich dachte, der Ball sei drin", seufzte Fojut, "dann habe ich gesehen, dass nur unser Ersatzkeeper gejubelt hat." Die Schlussphase war ein einziger Nervenkitzel. Gelbe Karte für Jarocins Michael Henderson (88.), wütende Proteste, und irgendwo dazwischen ein Bryan Adams, der seine Spieler anschrie, als ginge es um den letzten Akkord eines Rockkonzerts: "Raus damit! Einfach raus damit!" Statistisch betrachtet war es ein enges Duell: 13 Torschüsse für Wista, 11 für Jarota; Ballbesitz fast ausgeglichen; Zweikampfquote minimal zugunsten der Hausherren (50,7 Prozent). Doch auf der Anzeigetafel zählte nur eins: 3:2. "Wir haben heute Charakter gezeigt", lobte Adams zum Abschluss. "Und ein bisschen Glück - aber das gehört zum Fußball wie falsche Einwürfe in der Kreisliga." Kasperczak hingegen schüttelte nur den Kopf: "Drei Minuten Unkonzentriertheit, und du bist Geschichte. Wir hätten das besser wissen müssen." Ein Spiel, das von der ersten bis zur letzten Sekunde bebte - auch wenn die erste Halbzeit das geschickt zu verbergen wusste. Für Wista Plock war es ein Sieg des Willens, für Jarota Jarocin eine bittere Lektion in Sachen Effizienz. Und für die 44.345 Zuschauer? Ein Abend, über den man noch beim Frühstück drüber reden wird - mit heiserer Stimme und einem zufriedenen Grinsen. 29.03.643987 13:59 |
Sprücheklopfer
Wenn der Ball am Torwart vorbeigeht, ist es meist ein Tor.
Mario Basler