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3646 Zuschauer kamen am frostigen Montagabend in das Eidelstedter Stadion, um zu sehen, wie ihr SV Eidelstedt am 12. Spieltag der Oberliga F gegen Wittenberge endlich wieder drei Punkte holen sollte. Was sie bekamen, war eine Lektion in Fußball-Ironie: 15 Torschüsse, 53 Prozent Ballbesitz, ein engagiertes Pressing - und am Ende ein 0:1, das so bitter schmeckte wie ein kalter Stadionkaffee nach der 90. Minute. Dabei fing alles nach Plan an. Schon in der 4. Minute prüfte Ernst Betz den Wittenberger Keeper Roman Nikolischin - noch wirkte der Ball wie ein alter Bekannter, der sich nur kurz verabschiedete, um später zurückzukommen. Alexandre Picard legte nach, Arne Klein zog von links, Hanns Bayer traf das Fangnetz statt des Netzes. Eidelstedt machte Druck, Wittenberge machte dicht. Manchmal erinnerte das Spiel an ein Handballtraining: Eidelstedt kreiste, Wittenberge verschob - und wartete. "Wir wussten, dass sie kommen würden wie eine Dampfwalze. Aber wir haben einfach den Betonmischer davor gestellt", grinste Wittenberges Kapitän Tom Kunz nach dem Spiel. Ein Satz, der in seiner Ehrlichkeit fast schon poetisch war. Zur Pause stand es 0:0, und die Eidelstedter Fans sangen trotzig von besseren Tagen. Trainer Müller (der Name sei hier sinnbildlich, denn wer will schon den echten nennen) stapfte mit verschränkten Armen in die Kabine. "Wir müssen nur einmal treffen", soll er dort gesagt haben - man möchte fast ergänzen: "…aber bitte ins richtige Tor." Denn die zweite Halbzeit brachte mehr vom Gleichen: Minos Ardizoglou, der linke Mittelfeldmotor, versuchte es gleich viermal innerhalb von zehn Minuten - 55., 59., 61., 65. Minute. Man hatte das Gefühl, er wollte den Ball durch pure Wiederholung über die Linie zwingen. Doch Nikolischin, Wittenberges junger Torwart, wuchs über sich hinaus. "Ich hab einfach immer da gestanden, wo der Ball hinflog", lachte er nach dem Spiel. "Vielleicht war’s Glück. Oder Physik." Und dann kam die 86. Minute - jener Moment, in dem Fußballgötter gerne zynisch werden. Während Eidelstedt alles nach vorne warf, eroberte Tom Kunz im Mittelfeld den Ball, zog zwei Gegenspielern davon und legte clever nach rechts raus. Dort lauerte ausgerechnet Rechtsverteidiger Herbert Herbst, der sich sonst lieber um das Verteidigen kümmert. Doch diesmal war er der Mann des Abends: ein trockener Schuss aus 16 Metern, flach ins linke Eck - 0:1. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Herbst hinterher grinsend zu. "Aber wenn der Ball schon mal den Weg ins Tor findet, beschwert man sich ja nicht." Die Eidelstedter versuchten in den letzten Minuten alles. Tiburtius Bengtsson schoss in der 84. Minute knapp drüber, Oscar Caviness prüfte in der 89. erneut den Keeper - doch das Netz blieb leer. Auf der Tribüne hörte man einen älteren Fan murmeln: "Wenn Tore nach Einsatz vergeben würden, stünde es 5:1." Leider zählt der Fußball eben anders. Statistisch gesehen war Eidelstedt das klar aktivere Team: mehr Ballbesitz, mehr Schüsse, bessere Zweikampfquote. Aber Wittenberge hatte das, was man in den besseren Fußballromanen "Effizienz" nennt. Zwei Gelbe Karten (Ahrens 23., Kraft 63.) störten den Rhythmus kaum, und taktisch blieb das Team von Trainer Schubert (auch hier darf man symbolisch bleiben) stoisch bei seiner "Balanced"-Ausrichtung - keine wilden Pressing-Experimente, kein Chaos, nur Ruhe und ein gezielter Schlag. Nach dem Abpfiff zeigte sich Eidelstedts Trainer sichtlich bedient: "Wenn’s nach Chancen geht, müssen wir das Ding dreimal gewinnen. Aber Fußball ist kein Wunschkonzert." Neben ihm trat Minos Ardizoglou wütend gegen eine Getränkekiste - zum Glück leer. Und Wittenberge? Feierte ausgelassen vor der kleinen Gästekurve. Kunz und Herbst warfen sich in die Arme, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. "Das war so ein Spiel, das du nur mit Geduld und einem Schuss Wahnsinn gewinnst", meinte Kunz augenzwinkernd. Eidelstedt hingegen bleibt ratlos zurück. Ihre Fans klatschten am Ende trotzdem - vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Respekt. Denn wer 15-mal aufs Tor schießt und trotzdem verliert, verdient wenigstens Applaus für die Hartnäckigkeit. Oder, wie ein Zuschauer beim Hinausgehen sagte: "Wir hätten auch bis Mitternacht spielen können - und der Ball hätte trotzdem nicht reingewollt." Fazit: Ein Spiel, das die alte Fußballweisheit bestätigte - nicht die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft gewinnt. Und Wittenberge war an diesem Abend einfach ein bisschen glücklicher. 26.05.643987 16:38 |
Sprücheklopfer
Grundsätzlich muss man sich überlegen, ob man dann weitermacht. Aber ich lasse mir da Zeit, ich denke da kurzfristig.
Rudi Völler nach dem 1:5 gegen England