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Ein kalter Januarabend, 18.345 Zuschauer im Müngersdorfer Stadion - und die Hoffnung auf einen gemütlichen Pflichtsieg gegen TuS Hordel. Doch das, was die Fans des Effzeh Köln beim 1:3 (0:1) im Rahmen des 19. Spieltags der 2. Liga Deutschland geboten bekamen, war eher eine Mischung aus Slapstick, Verzweiflung und gelegentlicher Fußballkunst - allerdings auf der anderen Seite. Schon nach acht Minuten war die Kölner Zuversicht dahin: Hordels Lennard Rothe, 23 Jahre jung und offensichtlich ohne Respekt vor großen Namen, schlenzte den Ball nach feinem Zuspiel von Georg Heller in den rechten Winkel. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Rothe nach dem Spiel, "aber wenn’s passt, sag ich natürlich, das war Absicht." Der Effzeh wirkte fortan überrascht, dass der Gegner mitspielte - und das nicht mal schlecht. Trainer Toni Tapolski brüllte an der Seitenlinie mehr Anweisungen, als seine Mannschaft Pässe an den Mann brachte. 55 Prozent Ballbesitz, sechs Torschüsse - klingt auf dem Papier ordentlich, sah aber aus wie Handball um den Strafraum ohne Wurf. "Wir haben das Spiel kontrolliert", meinte Tapolski später. Ein Journalist hakte trocken nach: "Aber was genau?" - "Na, den Ball", murmelte der Coach. TuS Hordel hingegen spielte erfrischend einfach. Lange Bälle, schnelles Umschalten, und immer wieder dieser Rothe, der die Kölner Abwehr aussehen ließ wie eine Gruppe Schuljungen ohne Orientierungssinn. Kurz vor der Pause hätte es schon 0:2 stehen können, doch Keeper Bruno Jemez parierte zweimal glänzend. Die Fans atmeten auf, wohl ahnend, dass es nicht ewig gutgehen würde. Nach dem Seitenwechsel dauerte es keine zwei Minuten, bis Hordels Linksverteidiger Kurt Herbst - ja, ein Linksverteidiger! - aufrückte und nach Vorarbeit von Fjodor Koroljuk das 0:2 erzielte (47.). Herbst rannte jubelnd zur Eckfahne, als hätte er gerade die Meisterschaft entschieden. "Ich schieße sonst nur im Training - und da meistens daneben", sagte er hinterher mit einem breiten Grinsen. Köln wachte endlich auf - zumindest kurz. In der 56. Minute bediente der junge Onur Köse seinen Teamkollegen Yannik Gorgon, der aus spitzem Winkel traf. 1:2, Hoffnung, Lärm, Feuer. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Spiel!", meinte Gorgon, 19 Jahre alt, mit leuchtenden Augen. Doch wer dachte, das Momentum würde jetzt kippen, hatte die Rechnung ohne Curt Schöne gemacht. Der Hordeler Rechtsaußen brauchte im Gegenzug nur eine Minute, um nach erneuter Vorarbeit von Heller das 1:3 zu markieren. Eiskalt, effizient - und irgendwie typisch für diesen Abend. Danach war Köln bemüht, aber harmlos. Fynn Fritsch, gerade einmal 17, versuchte es mehrfach, scheiterte aber an Keeper Jacob Montgomery, der einen dieser Tage erwischte, an denen selbst ein flatternder Ball wie ein Gummihandschuh klebt. "Ich hab einfach die Augen zugemacht", scherzte er später. Taktisch blieb Tapolski seiner offensiven Ausrichtung treu, stellte in der Schlussphase sogar auf volles Pressing um - aber das half wenig, außer dass Hordel noch ein paar Konterchancen bekam. Und als ob es der Ironie bedurft hätte, sah Hordels Torschütze Herbst in der 86. Minute noch Rot. "Ich wollte nur den Ball treffen", verteidigte er sich. Der Schiedsrichter grinste milde - und zeigte trotzdem die Karte. Ute Finkeldy, Hordels Trainerin, strahlte nach Abpfiff wie ein Kind an Weihnachten: "Wir wussten, dass Köln Räume lässt. Wir haben sie genutzt - Punkt." Ihr Gegenüber Tapolski wirkte angeknockt: "Das Ergebnis spiegelt nicht den Spielverlauf wider", meinte er, was angesichts von acht Hordeler Torschüssen und drei Treffern zumindest rechnerisch schwierig zu begründen ist. Am Ende feierten die 300 mitgereisten Hordel-Fans wie nach einem Pokalsieg, während im Kölner Block betretenes Schweigen herrschte. Ein Ordner meinte lakonisch: "Naja, wenigstens war’s kein 0:4." Fazit: Köln hatte mehr Ball, Hordel mehr Plan. Die Gäste trafen eiskalt, kämpften clever und nahmen drei Punkte mit, die sie auf Jahre nicht vergessen dürften. Der Effzeh hingegen wird sich fragen müssen, wie man so viel Aufwand mit so wenig Ertrag kombinieren kann. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Die können den Ball halten - sie wissen nur nicht, was sie damit machen sollen." Ein Abend, der zeigte: Fußball ist manchmal gerecht - nur selten für den Favoriten. 06.09.643987 03:32 |
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