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Ein Montagabend, Flutlicht, 27.374 Zuschauer und Temperaturen, bei denen selbst der Schiri lieber mit Handschuhen pfeifen würde: Der 6. Spieltag der 2. Liga Deutschland zwischen dem Sievershäger SV und dem Bornaer SV versprach viel - und lieferte zumindest Gesprächsstoff. Am Ende stand ein 1:1, das so gerecht war wie langweilig - oder, wie Trainer Foll Fosten es später ausdrückte: "Wir hätten gewinnen können. Oder verlieren. Oder genau das tun, was wir getan haben." Dabei begann alles mit einem Feuerwerk - zumindest im übertragenen Sinne. Bereits in der 4. Minute prüfte Borna-Stürmer Ronny Solodkin die Reflexe von Sievershagens Torwart Alexandre Tremblay. Der Kanadier im Kasten wischte den Ball mit der Lässigkeit eines Mannes weg, der morgens Ahornsirup statt Kaffee trinkt. Wenig später konterten die Hausherren, als Christopher MacQuarrie, der 33-jährige Dauerläufer mit der Frisur eines Rockgitarristen, erstmals gefährlich auftauchte. Sievershagen, von Coach Fosten gewohnt offensiv eingestellt, suchte geduldig den Weg nach vorne. In der 33. Minute dann das, was man gemeinhin als "verdiente Führung" bezeichnet: MacQuarrie schob nach schöner Vorarbeit des jungen Phillip Baumann zum 1:0 ein. Der Teenager, der später verletzt raus musste, grinste noch beim Jubel, als wüsste er, dass das seine letzte Aktion bleiben würde. "Ich hab den Ball eigentlich nur blind reingespielt", gestand Baumann später im Krankenhaus-Interview halb lachend, halb unter Schmerzmitteln. Doch die Freude währte exakt drei Minuten. Borna, bislang eher pragmatisch unterwegs, schlug über den rechten Flügel zurück. Maurice Fournier flankte butterweich, und Ronny Solodkin köpfte aus kurzer Distanz zum 1:1 ein. Zwei Tore in drei Minuten - und dann? Dann kam viel Mittelfeld, noch mehr Kampf und einige Schüsse, die eher in Richtung Parkplatz B als in Richtung Tor gingen. Zur Halbzeit war klar: Hier trifft Wille auf Wille, und Präzision hat den Abend frei genommen. Beide Trainer gestikulierten wild, als wollten sie die Erdrotation beeinflussen. Borna-Coach Wer Ninho, bekannt für seine dramaturgischen Ausbrüche, kommentierte später süffisant: "Wir wollten über die Flügel kommen. Und manchmal sogar über den Ball." Nach der Pause blieb das Bild ähnlich. Sievershagen hatte mit 47 Prozent Ballbesitz etwas weniger vom Spiel, aber mehr Zug zum Tor: zwölf Abschlüsse, doppelt so viele wie die Gäste. MacQuarrie schoss, als wolle er sich persönlich in die Top Ten der Torschussstatistik ballern - allein zwischen Minute 57 und 92 gleich viermal. Doch entweder stand ein Bein im Weg oder der Ball war allergisch auf das Tornetz. In der 67. Minute kam es zu einem tragikomischen Moment: Der junge Baumann ging nach einem Zweikampf zu Boden, hielt sich den Knöchel und musste raus. Ausgerechnet er, der Vorlagengeber des Führungstreffers, wurde vom 18-jährigen Markus Weiss ersetzt. Fosten klopfte ihm auf die Schulter, murmelte etwas von "Willkommen im echten Fußball". Borna reagierte mit einem Torwartwechsel - der 18-jährige Francisco Sa Pint durfte in der 61. Minute ran, nachdem Ricardo Jorge sich den Rücken hielt. Sa Pint parierte kurz darauf einen MacQuarrie-Schuss und grinste danach so breit, als hätte er gerade das Champions-League-Finale gewonnen. Die Schlussphase bot noch ein wenig Dramatik: Gelbe Karte für Tim Runge in der 89. Minute, als er sich mit einer Grätsche mehr den Rasen als den Gegner vornahm. "Ich hab den Ball getroffen", behauptete er später - was objektiv stimmt, wenn man berücksichtigt, dass der Ball da schon längst weg war. Borna drückte in den letzten Minuten, stellte auf aktives Pressing um, aber Sievershagen hielt dagegen. Ein letztes Aufbäumen, ein letzter Schuss von MacQuarrie in der 92. Minute - vorbei. Schlusspfiff. 1:1. Zwei Teams, die sich neutralisierten, aber immerhin für Unterhaltung sorgten. "Ein Punkt ist ein Punkt", brummte Foll Fosten in der Pressekonferenz und fügte nach kurzem Nachdenken hinzu: "Aber drei wären schöner gewesen." Sein Gegenüber Ninho nickte und grinste: "Wenn wir so weiterspielen, brauchen wir bald keine Fitness-Coaches mehr, sondern Psychologen." So verließen 27.374 Zuschauer das Stadion - einige enttäuscht, andere erleichtert, alle leicht durchgefroren. Und irgendwo zwischen den Umkleiden summte Christopher MacQuarrie leise ein Lied - vermutlich über verpasste Chancen. Man könnte sagen: Ein Spiel ohne Sieger, aber mit reichlich Geschichten. Und das ist im Januar ja immerhin etwas, das wärmt. 29.03.643987 14:17 |
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