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Wenn 32.333 Zuschauer an einem frostigen Januarabend ins Stadion kommen, dann wissen sie: In Völlen wird nicht nur Fußball gespielt, in Völlen wird Fußball gelebt - manchmal auch gelitten. Am 4. Spieltag der 1. Liga Deutschland besiegte Eintracht Völlen den VfB Merseburg mit 2:1 (2:0) und bot dabei alles, was ein Samstagabendspiel braucht: frühe Karten, späte Nerven und jede Menge Gesprächsstoff für den Montagmorgen-Kaffee. Es begann mit einem Donnerschlag - oder besser: einem Gelben. Schon in der 4. Minute sah Joris Manser Gelb, offenbar weil er das Gesetz der Schwerkraft etwas zu wörtlich auslegte und seinen Gegenspieler kurzerhand in den Rasen massierte. Trainer Dennis Hees kommentierte später trocken: "Joris wollte ein Zeichen setzen. Nur wusste der Schiedsrichter nicht, welches." Aber Manser ließ sich vom frühen Tadel nicht beirren. Im Gegenteil: In der 18. Minute war er es, der nach feinem Zuspiel von Michael MacLachlan zum 1:0 einschoss. Ein Treffer wie aus dem Lehrbuch - wenn das Lehrbuch ein Kapitel "Wie man sich selbst rehabilitiert" hätte. Der Jubel war grenzenlos. "Ich hab’ einfach draufgehauen", grinste Manser nach dem Spiel. "Und gehofft, dass der Ball nicht in den Kanal hinterm Stadion fliegt." Völlen spielte in dieser ersten Halbzeit wie entfesselt. 16 Torschüsse insgesamt, 52,7 Prozent Ballbesitz und ein Publikum, das nach jedem Angriff kollektiv aufsprang. In der 40. Minute belohnte sich die Mannschaft erneut: MacLachlan selbst traf, diesmal nach Zuspiel von Zakhar Schitnik. Der Schotte (oder war’s ein Ire?) zog aus 20 Metern ab, der Ball schlug unhaltbar im rechten Winkel ein. Das Stadion vibrierte. "Ich hab den Wind berechnet", sagte MacLachlan später mit einem Augenzwinkern. "Und dann einfach vergessen, was ich gerechnet hab’. Zum Glück war’s egal." VfB Merseburg dagegen wirkte in der ersten Hälfte, als hätten sie den Anpfiff im Radio verpasst. Nur 11 Torschüsse über 90 Minuten, davon die meisten erst nach der Pause - und ein Angriffsspiel, das anfangs eher nach Sonntagsausflug roch als nach Bundesliga. Trainer Dieter Bergmann schimpfte nach der Partie: "In der Kabine hab ich gesagt: Wir spielen zu brav. Danach haben sie wenigstens angefangen, mich zu ignorieren." Und tatsächlich: Nach dem Seitenwechsel wachte Merseburg auf. Stille Scranton - ein Name wie ein Jazzmusiker, ein Schuss wie ein Presslufthammer - sorgte in der 68. Minute für den Anschluss. Marian Iliew hatte den Ball über links hereingegeben, Scranton vollendete trocken. Plötzlich war wieder Leben in der Bude. Kurz darauf musste Iliew verletzt raus, wurde von Joel Harrington ersetzt, der prompt drei Mal auf Völlens Tor schoss, aber jedes Mal an Keeper Karsten Lange scheiterte. "Ich hab jetzt Muskelkater vom Herzklopfen", gestand Lange nach Abpfiff. "Aber lieber so, als andersrum." Der Torhüter war in den letzten Minuten der Fels, den Merseburg nicht mehr beiseite räumen konnte. Eintracht-Trainer Hees reagierte in der Schlussphase klug: Er brachte frische Kräfte, ließ MacLachlan unter Applaus vom Feld und Jakub Licka übernehmen. "Ich wollte, dass Michael den Applaus hört - und dass Jakub den Ball festhält", erklärte Hees später mit einem Grinsen. Die Statistik spricht eine klare Sprache: 16 zu 11 Torschüsse, 52 zu 47 Prozent Ballbesitz, leichtes Übergewicht bei den Zweikämpfen für Völlen (52 Prozent). Doch wer nur auf Zahlen schaut, verpasst die Dramatik dieser Partie. Es war ein Spiel, in dem ein Gelbverwarnter zum Helden wurde, ein Trainer seine Mannschaft anschrie, bis die Kaffeetasse vibrierte, und ein Torwart am Ende die Arme in den Himmel reckte, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. "Wir müssen lernen, früher wach zu werden", knurrte Merseburg-Coach Bergmann. "Am besten schon beim Einlaufen." Sein Gegenüber Hees fasste es charmanter zusammen: "Wir haben’s spannend gemacht, weil wir höflich sind. Die Zuschauer sollen ja wiederkommen." So endete ein Abend, an dem Völlen zeigte, dass man mit Mut, Flügelspiel und einem Schuss Selbstironie auch die zähesten Gegner knacken kann. Und als die Flutlichter erloschen, hörte man irgendwo auf der Tribüne einen Zuschauer sagen: "So spielt man sich in die Herzen." Vielleicht war das übertrieben. Aber wer das Spiel gesehen hat, der weiß: Es war eine dieser Nächte, in denen Fußball wieder Spaß machte - mit all seinem Chaos, seiner Schönheit und seinen kleinen Verrücktheiten. Und das ist, Hand aufs Herz, doch genau der Grund, warum wir ihn lieben. 22.02.643987 19:32 |
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In der Türkei hängt in jeder Kneipe ein Bild von Atatürk. Hier in Kaiserslautern hängt fast überall Fritz Walter.
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