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Ein lauer Maiabend, 48.452 Zuschauer, Flutlicht, Bratwurstduft und die letzte Portion Saisonmelancholie: Der 34. Spieltag in Eschborn hatte alles, was ein Fußballherz braucht - inklusive Herzstillstand in den ersten fünf Minuten. 1. FC Eschborn und Gelsenkirchen 04 trennten sich nach 94 Minuten 2:2 (1:2), ein Ergebnis, das beiden Teams zwar den Sommerurlaub rettet, aber wohl niemanden wirklich glücklich macht. Es war kaum angepfiffen, da brannte die Luft. Zweite Minute, erster Angriff der Gäste - Bertalan Bicskei, 20 Jahre jung und offenbar mit Espresso im Blut, zieht nach Zuspiel von Horst Schulz aus spitzem Winkel ab. Der Ball zappelt im Netz, Eschborns Keeper Ashton Carmody schaut verdutzt: 0:1. Kaum hatte der Stadionsprecher den Namen zu Ende gerufen, klingelte es erneut. Fünfte Minute, diesmal Schulz selbst, nach einem Pass von Heinrich Petersen - 0:2. "Ich dachte kurz, wir spielen Eishockey", grinste später Eschborn-Trainer Yas Sin, "zwei Gegentore in fünf Minuten - das ist eher ein Drittelergebnis." Doch die Gastgeber reagierten trotzig. Nur eine Minute nach dem zweiten Gegentreffer fasste sich Routinier Oskar Mayr ein Herz. Nach feiner Vorarbeit von Sven Will drosch er die Kugel trocken unter die Latte - 1:2! Die Eschborner Fans, eben noch entsetzt, glaubten wieder. "Da haben wir gemerkt, dass wir auch mitspielen dürfen", meinte Mayr später mit einem Augenzwinkern. Was danach folgte, war eine halbe Stunde Offensivfeuerwerk der Hausherren. Patrick Herrmann prüfte den Gelsenkirchener Keeper mehrfach (8., 24., 37.), Mayr scheiterte knapp (31., 40.), und selbst der junge Joseph Turcotte durfte sich in die Schussstatistik eintragen. Insgesamt 15 Versuche aufs Tor für Eschborn, nur acht für die Gäste - Zahlen, die das Kräfteverhältnis klarer zeigen als das Ergebnis. Zur Pause stand es dennoch 1:2, und Coach Yas Sin reagierte. Gleich drei Wechsel in der Kabine: der 17-jährige Max Wilhelm kam ins Mittelfeld, Bernt Geier ersetzte den ausgepumpten Mayr, und der flinke Cesar Meireles übernahm links außen. "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn wir schon untergehen, dann gefälligst mit Stil", erzählte Sin später - und seine Mannschaft folgte. Ab Minute 46 zeigte Eschborn Pressing, Leidenschaft und ein Auge fürs Risiko. Die 04er dagegen zogen sich tief zurück, Trainer Andreas Meyer hatte offenbar den Beton angerührt. "Wir wollten das 2:1 verwalten", gab er nachher zu. "Hat ja fast geklappt - fast." Denn in der 70. Minute kam die Quittung: Cesar Meireles, kaum zu halten auf dem Flügel, legte mustergültig auf Bernt Geier quer - der traf trocken zum 2:2. Das Stadion tobte. Geier, sonst eher der stille Arbeiter, reckte die Fäuste gen Himmel. "Ich hab mir gedacht: Wenn ich schon reinkomme, dann soll’s sich lohnen", sagte er nach dem Spiel. Danach wogte das Spiel hin und her. Gelsenkirchens Dirk Thomas prüfte Carmody in der 78. Minute, kurz vor Schluss hatte der junge Max Wilhelm noch eine Riesenchance (88.), traf aber nur den Innenpfosten. "Ein Millimeter weiter rechts, und wir hätten drei Punkte", seufzte Sin. Stattdessen gab’s Gelb für Bram Van Butsel (74.) und Alexander Willoughby (89.) - beides eher aus der Kategorie "Frustfouls". In der Nachspielzeit wurde es noch einmal wild: Drei Schüsse der Gäste (92., 93.), einer der Eschborner (94.), doch das Netz blieb unberührt. Dann war Schluss - und beide Teams fielen sich erschöpft, aber erleichtert in die Arme. "Eschborn hat uns überrollt, aber wir haben standgehalten", resümierte Gelsenkirchens Coach Meyer. "Ich nehme den Punkt mit und vielleicht auch ein bisschen Magenweh." Auf der anderen Seite klatschte Yas Sin seine Spieler ab und grinste: "Wenn wir so anfangen würden, wie wir aufhören, wären wir Meister." Am Ende bleibt ein 2:2, das gerecht, aber unbefriedigend ist. Die Statistik spricht für Eschborn: mehr Ballbesitz (57 zu 43 Prozent), mehr Torschüsse, mehr Herzblut. Doch Gelsenkirchen 04 bewies Kaltschnäuzigkeit in der Anfangsphase - und das reichte, um den Gastgebern den großen Abschluss zu verderben. Vielleicht ist dieses Remis die perfekte Metapher für eine Saison, die bei beiden Clubs zwischen Hoffnung und Haareraufen pendelte. Und so gingen die Flutlichter aus, das Publikum summte noch ein letztes Lied, und irgendwo auf der Tribüne murmelte ein Fan: "Manchmal ist Fußball wie Pizza - selbst wenn’s nicht perfekt ist, ist’s immer noch gut." 07.07.644000 23:55 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs