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Wenn ein Spielbericht mit den Worten "es begann harmlos - und endete in einem Sturm" anfängt, weiß man, dass für eine der beiden Mannschaften nichts Gutes folgt. Eintracht Völlen erlebte am Donnerstagabend vor 32.723 Zuschauern das, was man in der Fachsprache wohl als "kollektiven Systemabsturz" bezeichnen darf. 0:8 hieß es am Ende gegen einen 1. FC Eschborn, der in Spiellaune war - und das über 90 Minuten. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen: 65 Prozent Ballbesitz, kurze Pässe, geduldiger Spielaufbau - Völlen machte das Spiel, Eschborn die Tore. Schon nach sechs Minuten klingelte es das erste Mal, als Oskar Mayr nach Vorarbeit von Corey Longfellow aus kurzer Distanz einschob. Zwei Minuten später durfte Longfellow wieder jubeln, diesmal als Vorbereiter für Nevio Dietrich, der trocken ins rechte Eck vollendete. Trainer Dennis Hees stand da noch an der Seitenlinie und rief "Ruhig bleiben, Jungs, wir haben das im Griff!" - Sekunden später fiel das 0:3 (11.), wieder durch Dietrich. Spätestens da wurde klar, dass die Eintracht zwar mehr Ballkontakte, aber keine Idee hatte, was sie mit ihnen anfangen sollte. "Ich dachte irgendwann, wir spielen Handball um deren Strafraum", seufzte Kapitän Fernando Granados später, "nur dass wir beim Abspielen jedes Mal den Ball verloren haben." Eschborn dagegen schaltete blitzschnell um, spielte lange Bälle, nutzte jede Chance. Mayr (19.) und der junge Leandro Sousa (20.) machten das halbe Dutzend schon vor der Pause voll. Als Mayr in der 41. Minute seinen dritten Treffer erzielte, soll selbst ein Fan der Eintracht geklatscht haben - aus Mitleid oder Bewunderung, das blieb offen. "Ich hab den Jungs in der Kabine gesagt: Wenn ihr jetzt noch lauft, seid ihr Helden", erzählte Hees nach dem Spiel mit Galgenhumor. "Leider sind sie dann gelaufen - aber in die falsche Richtung." Auf der anderen Seite grinste Eschborns Trainer Yas Sin zufrieden. "Wir wollten Spaß haben - das ist uns gelungen", sagte er, während er seinem 18-jährigen Innenverteidiger Justin Grossmann auf die Schulter klopfte. Der hatte kurz nach Wiederanpfiff tatsächlich getroffen - ausgerechnet als Verteidiger (47.). Eine Minute später legte Mayr mit seinem vierten Treffer nach. Spätestens da war das Spiel endgültig eine Einbahnstraße. Die Statistik las sich nach Abpfiff wie aus einem Paralleluniversum: 65,7 Prozent Ballbesitz für Völlen, 0 Torschüsse. Null! Während Eschborn 26 Mal auf den Kasten von Torwart Granados feuerte - und achtmal traf. "Ich hab mich gefühlt wie beim Elfmeterschießen - nur ohne Abwehrchance", sagte der Keeper trocken. Dass Völlen überhaupt noch zu elft auf dem Platz stand, war fast ein Wunder. Drei Gelbe Karten (Schitnik, Manser, Bilic) zeigten zumindest, dass man sich nicht kampflos ergeben wollte. Aber selbst das war halbherzig. In der 75. Minute gestikulierte Hees wild und rief: "Pressing!", woraufhin seine Spieler sich gegenseitig fragten, wer oder was das sei. Eschborn dagegen wechselte früh, brachte junge Spieler, hielt das Tempo hoch. Der eingewechselte Linus Fritsch lachte nach dem Spiel: "Ich hab in 20 Minuten mehr Pässe gespielt als in der ganzen Vorbereitung." Als der Schlusspfiff ertönte, applaudierten die Eschborner Fans ihren Helden, während die Völlener schweigend in die Kabine schlichen. Mayr, mit vier Toren der überragende Mann des Abends, winkte noch freundlich. "Ich wollte eigentlich nur zwei machen", grinste er, "aber wenn man einmal läuft, dann läuft’s." Am Ende blieb ein Ergebnis, das in der Vereinschronik von Völlen wohl ein eigenes Kapitel bekommt: "Das 0:8 von Völlen". Und die Erkenntnis, dass Ballbesitz zwar schön, Tore aber besser sind. Oder, wie Trainer Hees es später mit einem gequälten Lächeln sagte: "Manchmal ist Fußball eben ganz einfach - nur leider nicht für uns." Eschborn dagegen schickte ein klares Signal an die Liga: Wer so gnadenlos effizient ist, kann weit kommen. Und wer im Mittelfeld träumt, wacht irgendwann mit acht Gegentoren auf. Fazit: Ein Abend, der in Völlen wohl noch lange nachhallen wird - und in Eschborn vermutlich als offizieller Feiertag beantragt wird. 02.04.643997 20:57 |
Sprücheklopfer
Früher passten seine Freunde in einen Eisenbahnwaggon, heute in ein Goggomobil.
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