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Es gibt Spiele, die sind wie ein Dreiteiler im Abendprogramm: Früher Jubel, tiefe Krise, und dann das Happy End in letzter Sekunde. Das 3:2 (1:0) des FC Marzahn gegen den FC 1903 Wangen am dritten Spieltag der 1. Liga Deutschland war genau so ein Fußballdrama - inklusive Helden, tragischen Figuren und einer gehörigen Prise Chaos. Vor 33.209 Zuschauern im Marzahner Stadion ging’s gleich los, als hätte jemand beim Anstoß schon auf "Vorspulen" gedrückt. In der 6. Minute schickte Jake Carsley mit einem butterweichen Pass Shimon Naot auf die Reise, und der Mittelstürmer veredelte eiskalt zum 1:0. Naot grinste später verschmitzt: "Ich wollte eigentlich flanken - aber der Ball hatte andere Pläne." Trainer Frank Henning dazu trocken: "Wenn alle unsere Flanken so enden, bleibe ich gern beim Zufall." Danach aber begann das große Wangener Dauerfeuer. 23 Torschüsse, 57,5 Prozent Ballbesitz - es war, als hätten die Gäste den Ball gepachtet. Pekka Kuqi ballerte in den ersten zehn Minuten gleich dreimal aufs Tor, aber Marzahns Keeper Vicente Domingos hatte offenbar einen guten Tag erwischt - oder einfach zu viel Kaffee. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", sagte er später lachend. "Immer wenn ich dachte, das war’s jetzt, kam schon der nächste Ball." Henning dagegen ließ seine Elf stoisch im Kontermodus verharren. Die Taktik laut Daten: offensiv ausgerichtet, aber mit schwachem Einsatz. Übersetzt hieß das wohl: Wir tun so, als wollten wir, aber eigentlich warten wir nur. Und tatsächlich - es funktionierte. Bis zur Pause blieb’s beim 1:0, obwohl Wangen gefühlt im Strafraum zeltete. Nach der Halbzeit wechselte Gästecoach Ready Play gleich dreimal, unter anderem kam Torwart Kamil Radomski für den jungen Greenwald, der in der ersten Hälfte mehr mit Panik als mit Paraden glänzte. Und siehe da - plötzlich drehte Wangen richtig auf. In der 54. Minute zog Linksverteidiger Hugo Santos aus der zweiten Reihe ab, der Ball zischte unhaltbar in den Winkel. Zwei Minuten später legte Kuqi nach, bedient vom eingewechselten Ryan MacNaughton. 1:2 - und Marzahn schien stehend k.o. Doch wer FC Marzahn kennt, weiß: Die Berliner haben ein Faible für späte Comebacks und riskante Frisuren. In der 65. Minute war’s wieder Naot, diesmal nach einem Eckball von Innenverteidiger Robert Picard - 2:2. "Ich hatte kurz Angst, dass der Ball mich trifft", gab der Torschütze zu, "aber dann dachte ich: Ach, wenn schon, dann wenigstens rein damit." Danach wurde’s wild. Timm Franke holte sich Gelb, weil er dem Schiedsrichter erklären wollte, wie man richtig pfeift. Trainer Henning brüllte von der Seitenlinie: "Timm, du bist Verteidiger, kein Dozent!" Wangen drückte weiter, hatte Chancen im Minutentakt - doch das Tor wollte nicht mehr fallen. Und dann kam die 95. Minute. Jake Carsley, der schon beim ersten Tor assistiert hatte, tankte sich auf rechts durch, flankte in den Strafraum, wo Alex Bruni lauerte. Ein kurzer Blick, ein trockener Schuss - 3:2! Das Stadion explodierte. "Ich hab’ den Ball kaum gesehen", stammelte Bruni nach Abpfiff, "aber ich hab’ ihn gehört - das Netz hat so schön gesungen." Wangens Trainer Ready Play dagegen stand minutenlang regungslos an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, der Blick ins Nichts. "Wenn Statistik Spiele gewinnt, hätten wir heute 5:0 gewonnen. Leider zählen Tore", sagte er mit bitterem Lächeln. Am Ende standen 7 Marzahner Torschüsse gegen 23 von Wangen, 42 Prozent Ballbesitz gegen 58, aber drei Treffer gegen zwei. Fußballlogik? Nicht vorhanden. Frank Henning fasste es so zusammen: "Wir waren effizient. Und Glück ist auch eine Taktik." Als die Spieler in die Kabinen verschwanden, blieb ein Gefühl zwischen Erleichterung und ungläubigem Staunen. Ein Fan brüllte noch: "Marzahn, immer Drama!" - und man konnte ihm nicht widersprechen. Ein Abend, der wieder einmal bewies, dass Fußball keine Mathematik ist. Vielleicht eher Poesie - nur mit Schweiß, Rasen und einem Last-Minute-Held namens Alex Bruni. 11.02.643987 11:18 |
Sprücheklopfer
Der Trainer hat gesagt, wir sollen uns am Gegner festbeißen. Das habe ich versucht zu beherzigen.
Oliver Kahn zum Wangenbiss gegen Heiko Herrlich