// Startseite
| Sportexpress |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein frostiger Februarabend in München, an dem 15.000 Zuschauer im Stadion nicht nur kalte Finger, sondern auch ein kaltes Erwachen erlebten: Der FC München unterlag am 12. Spieltag der 2. Liga Deutschland dem frechen Außenseiter TuS Hordel mit 1:2 (1:1). Ein Ergebnis, das so gar nicht in die sorgsam geplante Aufstiegsstory der Münchner passte - aber umso mehr in die Kategorie "selbst eingebrockt". Dabei begann alles nach Maß. Schon in der siebten Minute rauschte Max Gerlach, eigentlich linker Verteidiger, aus dem Hintergrund heran, als wollte er allen beweisen, dass moderne Außenverteidiger keine Grenzen kennen. Bruder David legte clever auf, Max zog ab - und das Netz zappelte. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", grinste Gerlach nach dem Spiel. "David meinte später, das war so geplant. Ich lass ihn mal in dem Glauben." Doch die frühe Führung wirkte eher wie ein Schlaflied für die Münchner. Statt nachzulegen, schalteten sie in den Verwaltungsmodus - mit Ballbesitz knapp unter 50 Prozent und einer Zweikampfquote, die jedem Physiklehrer Tränen in die Augen treiben würde: 46,5 Prozent. "Wir wollten kontrollieren, nicht kopflos rennen", erklärte Trainer Franz Kuntz später. Leider kontrollierte sein Team vor allem das eigene Tempo - nämlich im Schritttempo. TuS Hordel dagegen, von Trainerin Ute Finkeldy mit einer Mischung aus Mut und Konterlust eingestellt, roch Blut. Ernst Kunkel, der 21-jährige Linksaußen mit der Dynamik eines Espresso-Doppels, prüfte Münchens Keeper gleich mehrfach. In der 33. Minute belohnte er sich dann: Nach feiner Vorlage von Vincent Albinana zog Kunkel trocken ab - 1:1. Die Hordeler Bank tobte, während Kuntz an der Seitenlinie die Hände in die Taschen steckte und Richtung Boden murmelte. "Wir wussten, dass München gern schön spielen will", sagte Finkeldy später mit einem schelmischen Lächeln. "Wir wollten einfach nur Tore schießen." Sachlich, direkt, erfolgreich - und ein bisschen frech. Nach der Pause wechselte Kuntz doppelt, brachte frisches Offensivblut, doch der Schwung blieb aus. Hordel dagegen nutzte jede Gelegenheit zum Nadelstich. In der 57. Minute wurde es dann still im Stadion: Gustav Hauser, sonst der Fels in der Hordeler Abwehr, schickte mit einem langen Ball Stürmer Tim Pfeiffer auf die Reise. Pfeiffer blieb eiskalt und verwandelte zum 1:2. Während der Münchner Anhang noch protestierte, ob das nicht Abseits gewesen sei, zeigte Pfeiffer in Richtung Gästeblock und brüllte: "Der war nie im Abseits, der war im Glück!" Danach folgte Münchner Einbahnstraßenfußball - allerdings mit angezogener Handbremse. Nevio Kaiser kam für den blassen Lasse Peters, Swen Moser ersetzte Filipe Sanchez, doch Hordel verteidigte mit Leidenschaft und doppeltem Espresso im Blut. 16 Torschüsse gaben die Gäste insgesamt ab, München kam auf neun - statistisch also fast so deutlich wie das Endergebnis. In der 93. Minute hatte Swen Moser noch die große Chance auf den Ausgleich. Der junge Stürmer drehte sich im Strafraum, zog ab - doch Hordels Torhüter Jacob Montgomery fischte den Ball aus dem Winkel, als hätte er Klettverschlüsse an den Handschuhen. "Ich hab nur gehofft, dass er nicht durchflutscht", sagte Montgomery später und grinste. "Ist ja schließlich Winter." Nach Abpfiff war die Stimmung gemischt. Münchens Fans pfiffen, Hordel feierte, und Franz Kuntz suchte Worte. "Wir haben es ihnen zu leicht gemacht. Und wenn du vorne die Dinger nicht machst, kriegst du sie hinten rein - alte Fußballweisheit." Sein Gegenüber Finkeldy konterte trocken: "Wir hatten einfach mehr Lust auf drei Punkte." Ein paar Hordeler Spieler tanzten noch vor der Kurve, während Kunkel sich mit einem heißen Tee aufwärmte. "Das war mein Spiel", sagte der Torschütze. "Gegen München zu treffen, das erzählt man den Enkeln. Oder wenigstens in der Kneipe." So steht am Ende ein verdienter Sieg für TuS Hordel, der mit Wucht, Wille und Witz auftrat - und einem FC München, der sich an der eigenen Gemütlichkeit verschluckte. Vielleicht sollte man in München künftig weniger verwalten und wieder mehr angreifen. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Früher hat man hier noch Fußball gespielt, heute wird er nur noch geplant." Ein Satz, der Franz Kuntz vermutlich noch bis zum nächsten Spiel begleiten wird - und der TuS Hordel eine besonders warme Heimreise beschert. 14.10.643990 09:44 |
Sprücheklopfer
Es war ein wunderschöner Augenblick, als der Bundestrainer sagte: 'Komm Steffen, zieh deine Sachen aus, jetzt geht's los.'
Steffen Freund