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Wenn Fußball ein Drama ist, dann war das Freitagabendstück in Chemnitz eine Tragikomödie mit Happy End - zumindest für die Hausherren. Fortuna Chemnitz bezwang den FC Stollberg mit 4:3 (1:3) und versetzte 28.053 Zuschauer in eine emotionale Achterbahnfahrt, die selbst erfahrene Stadionbesucher mit offenem Mund zurückließ. Dabei begann alles so harmlos - und für Fortuna sogar verheißungsvoll. In der sechsten Minute vollstreckte Francois Baker nach einem wuchtigen Pass von Innenverteidiger Alfonso Aguas zur frühen Führung. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Aguas später, "aber wenn der Ball drin ist, sagst du besser nichts mehr." Doch der Jubel währte kurz. Stollberg, unter dem unerschütterlich ruhig wirkenden Coach Wei To, antwortete prompt. Nur vier Minuten später besorgte Ruslan Gerassimow den Ausgleich - eiskalt nach Vorlage von Sandor Feldmann. Fortuna wirkte überrascht, Stollberg drückte weiter. Andrea Terinese, der Denker und Lenker im Mittelfeld, drehte das Spiel in der 16. Minute nach erneutem Zuspiel von Feldmann. Und als Gerassimow kurz vor der Pause ein zweites Mal traf (40.), schien alles entschieden. 1:3 zur Halbzeit - Fortuna-Coach Maik Oberländer starrte minutenlang ins Leere. "Ich habe den Jungs in der Kabine gesagt: Wenn wir schon untergehen, dann wenigstens mit Stil", verriet Oberländer später mit einem schiefen Lächeln. Offenbar verstanden seine Spieler das als Auftrag zur Auferstehung. Die zweite Halbzeit begann mit einem Chemnitzer Sturmlauf, der an alte Europapokalnächte erinnerte - wenn auch auf 2.-Liga-Niveau. Stollberg zog sich zurück, spielte weiter offensiv ausgerichtet, aber ohne den Mut der ersten Hälfte. Fortuna dagegen warf alles nach vorn - und riskierte alles. In der 58. Minute kam Alexander Cawdor für Dirck De Groot, kurz darauf ersetzte Laszlo Sebes den blassen Ivar Sundström - ein Wechsel, der sich noch auszahlen sollte. Stollberg brachte frische Beine, Valerios Donis und Youngster Marko Stumpf, doch der Schwung war dahin. Die Fortuna-Fans rochen Blut. In der 72. Minute war es soweit: Isaac Simard traf nach feiner Vorarbeit von Luke Graves - 2:3! Das Stadion vibrierte, die Chemnitzer Bank explodierte. "Da war plötzlich wieder Leben in der Bude", meinte Simard. Und Fortuna hörte nicht auf. Als in der 74. Minute Abwehrhüne Seppo Aaltonen nach einem Zusammenprall verletzt raus musste, schien das Schicksal gegen Chemnitz zu spielen. Doch Bruno McLeod, der eingewechselte Rechtsverteidiger, brachte über den Flügel neuen Druck. In der 82. Minute zirkulierte Sebes den Ball elegant zu Vincent Galindo, der trocken zum 3:3 einschoss. Das Stadion tobte. "Ich hab’ gar nicht nachgedacht", sagte Galindo später. "Ich hab einfach draufgehauen." Doch der krönende Abschluss folgte in der 89. Minute. Wieder war es Sebes, diesmal als Vorlagengeber für Simard, der den Ball humorlos in den Winkel drosch - 4:3! Fortuna hatte das Spiel tatsächlich gedreht. Stollberg versuchte in der Nachspielzeit noch einmal alles, doch Keeper Corey Ross parierte zwei Schüsse von Iban Quixano und rettete den Sieg. "Wir haben die Kontrolle verloren", gestand Stollbergs Trainer Wei To nach der Partie. "Und Chemnitz hatte einfach mehr Herz." Statistisch gesehen hätte Stollberg das Spiel wohl gewinnen müssen: 18 zu 12 Schüsse aufs Tor, 55 Prozent Ballbesitz, etwas bessere Zweikampfquote. Aber Fußball ist bekanntlich kein Excel-Sport. Fortuna rannte, kämpfte, biss - und bekam am Ende, was sie verdiente. Ein kleiner Seitenhieb sei erlaubt: Wer in Chemnitz auf defensive Stabilität gehofft hatte, wurde enttäuscht. Aber wer braucht schon Stabilität, wenn man pure Unterhaltung bekommt? "Das war kein Fußballspiel, das war ein Herzinfarkt in 90 Minuten", lachte ein Zuschauer beim Bierstand nach Abpfiff. Trainer Oberländer fasste den Abend trocken zusammen: "Ich hab zehn Jahre gealtert, aber für solche Spiele sind wir hier." Und so ging ein denkwürdiger 21. Spieltag der 2. Liga zu Ende - mit einem Fortuna-Sieg, der in Chemnitz wohl noch lange erzählt werden wird. Vielleicht nicht als taktische Meisterleistung, aber sicher als Lehrstück in Sachen Moral, Wahnsinn und unerschütterlichem Glauben an den Fußballgott. 19.06.644003 10:37 |
Sprücheklopfer
Jeder, der mich kennt und der mich reden gehört hat, weiß genau, dass ich bald englisch in sechs oder auch schon in vier Wochen so gut spreche und Interviews geben kann, die jeder Deutsche versteht.
Lothar Matthäus