// Startseite
| Sportecho |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Ein Tor, fünf Torschüsse, 43.500 ungläubige Gesichter - und ein Gast, der sich für diesen Abend wohl selbst kneifen musste: Germania Ilmenau entführt beim 0:1 in Hannover drei Punkte, die man so nicht unbedingt erwartet hatte. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir den Ball am Strafraum verloren haben", stöhnte Hannovers Trainer Daniel Dietrich nach dem Abpfiff, "aber anscheinend hat der Fußballgott heute lieber Thüringisch gesprochen." Dabei begann alles so, wie es sich die Roten gewünscht hatten. Schon nach einer Minute prüfte Henrich Hlinka den Ilmenauer Keeper Vitorino Manu - und das sollte sinnbildlich für die folgenden 89 Minuten stehen: Hannover drückte, Ilmenau hielt. 18 Torschüsse der Gastgeber stehen am Ende zu Buche, aber kein einziger fand den Weg ins Netz. Ganz anders die Gäste: In der 15. Minute zog Jari Vuorinen nach feinem Pass von Linksverteidiger Swen Frank einfach mal ab - und plötzlich war es mucksmäuschenstill im Stadion. Der Ball zappelte hinter Humberto Santoyo im Netz, und die Ilmenauer jubelten, als hätten sie gerade das Champions-League-Finale gewonnen. "Ich hab gar nicht richtig gesehen, wie er reinging", grinste Vuorinen später, "aber Hauptsache, er war drin." Was folgte, war eine Mischung aus Einbahnstraßenfußball und Nervenkrimi. Hannover kombinierte, flankte, dribbelte - und scheiterte. Mike Christ versuchte es gleich fünfmal, Aldo Locatelli rannte sich die Seele aus dem Leib, und selbst Innenverteidiger Jose Maria Godinez tauchte plötzlich im Strafraum auf. Doch Vitorino Manu im Ilmenauer Tor hatte offenbar eine persönliche Abmachung mit dem Schicksal: heute kein Gegentor. "Wir haben den Plan gehabt, einfach kompakt zu stehen und auf unsere Chance zu warten", erklärte Ilmenaus Coach Thorben Hartung trocken. "Dass die Chance dann nach 15 Minuten kam, war vielleicht ein bisschen früh - aber beschweren wollten wir uns nicht." Hannovers Trainer Dietrich dagegen wirkte zwischen Frust und Fassungslosigkeit hin- und hergerissen. "Wir hatten 50 Prozent Ballbesitz, 18 Schüsse, mehr Zweikämpfe gewonnen - nur eben kein Tor. Wenn’s ein Boxkampf wäre, hätten wir nach Punkten gewonnen. Aber im Fußball zählt halt dieser eine Treffer." In der Pause versuchte Dietrich, seine Männer noch einmal wachzurütteln. Tiago Antonio kam für den blassen Owen Macleod, und kurz darauf musste Hlinka verletzt raus - ein bitterer Moment, denn der Linksaußen war bis dahin einer der Aktivposten. "Ich hab gemerkt, dass da was zwickt", murmelte Hlinka nach dem Spiel mit Eisbeutel auf dem Knie. "Aber ich dachte, vielleicht kommt der Ball ja doch noch zu mir." Ilmenau blieb in der zweiten Hälfte ihrer Linie treu: tief stehen, Flanken abfangen, Zeit von der Uhr nehmen. Der Schiedsrichter hatte alle Hände voll zu tun, das Spiel im Griff zu behalten - zwei Gelbe für die Gäste (Frank in der 23., Weis in der 67.) und eine für Hannovers Luke MacRae. Dass MacRae danach trotzdem noch einige wütende Vorstöße wagte, zeigt, dass an Kampfgeist kein Mangel herrschte. Als in der 83. Minute Locatelli noch einmal frei zum Schuss kam, hielt das Stadion den Atem an - und Vitorino Manu wieder alles, was ein Torwart halten kann. "Ich weiß nicht, ob ich so einen Tag noch mal erlebe", sagte der Ilmenauer Keeper später und grinste breit: "Vielleicht sollte ich Lotto spielen." Die letzten Minuten vergingen zäh wie Kaugummi. Hannover warf alles nach vorn, sogar Innenverteidiger Dylan Carr, frisch eingewechselt, stürmte mit. Aber es half nichts. Der Ball wollte einfach nicht über die Linie. Als der Schlusspfiff ertönte, jubelten die 200 mitgereisten Ilmenauer Fans, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen - und irgendwie fühlte es sich auch so an. "Das war ein Sieg des Willens", sagte Trainer Hartung mit einem zufriedenen Nicken. Und das konnte man ihm glauben: Seine Mannschaft hatte 49 Prozent Ballbesitz, fünf Torschüsse - und das einzig zählende Tor. Hannover dagegen bleibt ratlos zurück. "Wir müssen die Chancen einfach machen", seufzte Mike Christ und verschwand mit hängendem Kopf in den Katakomben. Der Ballbesitz war schön, die Statistik eindrucksvoll - aber auf der Anzeigetafel steht eben nur: 0:1. Vielleicht tröstet die Erkenntnis, dass man auch aus Niederlagen lernen kann. Oder wie ein Fan auf der Tribüne trocken bemerkte: "Wenn Fußball gerecht wär, hätt’s heute 5:1 gestanden. Aber dann wär’s ja kein Fußball." 10.04.643987 07:45 |
Sprücheklopfer
Die biologische Uhr tickt und geht auch an mir nicht vorbei.
Lothar Matthäus