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Wenn man 22.614 frierende Fans an einem Januarabend in Rostock für 90 Minuten in Atem halten will, dann sollte man genau so spielen: wild, wankelmütig und mit dem Herz in der Hand. Hansa Rostock und FT Schweinfurt trennten sich am 7. Spieltag der 2. Liga mit 2:2 - ein Ergebnis, das beiden irgendwie schmeckt und trotzdem niemanden so richtig glücklich macht. Dabei begann der Abend gar nicht nach Rostocker Geschmack. Zwar hatte die Mannschaft von Marko Maniurka den Ballbesitz gepachtet (am Ende stolze 58 Prozent), aber was nützt das viele Passen, wenn der Gegner mit jedem Konter gefährlicher wirkt als man selbst mit zehn Ecken? Der erste Warnschuss kam von Schweinfurts Mircea Nastase in der 30. Minute - und als Rostock gerade dachte, sie hätten das im Griff, kam der Nackenschlag: In der 41. Minute setzte sich Carl Fritsch links durch, bekam den Ball von Nastase perfekt in den Lauf gespielt und schob eiskalt zum 0:1 ein. Die Schweinfurter Ersatzbank explodierte, Trainer Kevin Ferry riss die Faust nach oben und rief Richtung Haupttribüne: "Hab ich’s euch gesagt? Der Junge braucht nur einen Ball!" Nach der Pause kam Hansa mit Wut im Bauch aus der Kabine. Maniurka soll in der Halbzeit gesagt haben: "Wenn ihr schon im eigenen Stadion spielt, dann benehmt euch auch so!" - und siehe da: nur sieben Minuten nach Wiederanpfiff klingelte es. Torvald Koch, der bis dahin eher unauffällig geblieben war, traf nach schöner Vorarbeit von Jakob Bloch zum 1:1. Das Ostseestadion erwachte, Bierbecher flogen (freundschaftlich, versteht sich) und plötzlich hatte man das Gefühl, Rostock könnte die Partie drehen. Doch Schweinfurt, diese freche Truppe aus Unterfranken, hatte noch was vor. In der 71. Minute nutzte der 19-jährige Herbert Neubauer eine Unachtsamkeit in der Rostocker Abwehr und brachte die Gäste erneut in Führung - der Pass kam diesmal von Christopher Fricke, der nach einer Auswechslungspause wieder auf dem Feld stand und sofort Wirkung zeigte. "Ich hab nur gedacht: Schieß einfach", grinste Neubauer nach dem Spiel, "und dann war der Ball drin. Vielleicht war’s Glück - aber Glück trainiert man ja auch." Rostock reagierte fast trotzig. Nur zwei Minuten später stand Michel Haswell goldrichtig, als Ellis Haddock von links eine butterweiche Flanke servierte. Haswell köpfte den Ball zum 2:2 ins Netz - und rannte jubelnd zur Eckfahne, als hätte er gerade das Siegtor im WM-Finale erzielt. "Ich hab gar nicht gesehen, dass’s erst 73. Minute war", lachte Haswell später. "Ich dachte, das wär der Schlusspfiff." Danach spielten beide Teams weiter mit offenem Visier. Rostock drückte, hatte Chancen durch Kacper Willimowski (78., 87.) und Issac Groat (81.), doch Schweinfurt blieb mit Neubauer gefährlich, der in der 85. Minute fast sein zweites Tor erzielte. In der Nachspielzeit prüfte Fricke noch einmal Rostocks Torwart Christiano Zorrilla, der den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte lenkte - es war der letzte Rettungsanker an einem Abend, der mehr Drama als Ordnung bot. Statistisch war Hansa klar überlegen: 11 Torschüsse zu 6, mehr Ballbesitz, mehr Zweikämpfe gewonnen (53 Prozent). Aber Schweinfurt verteidigte clever, lauerte auf Fehler und hatte mit dem eingewechselten Menachem Lieberman im Mittelfeld einen, der den Takt gab und das Chaos sortierte. Trainer Ferry lobte seine Jungs nach Schlusspfiff: "Für uns ist das wie ein kleiner Sieg. Wenn du in Rostock zweimal führst, dann hast du alles richtig gemacht - außer das Ergebnis." Rostocks Coach Maniurka sah das naturgemäß anders: "Wir haben Moral gezeigt. Klar, wir wollten drei Punkte, aber wer nach Rückständen so zurückkommt, der lebt." Und mit einem Grinsen fügte er hinzu: "Wir üben jetzt noch, dass man nach dem Ausgleich nicht gleich wieder aufhört zu spielen." Das Publikum verabschiedete die Mannschaften mit Applaus, leicht ironisch, aber ehrlich. Ein älterer Fan auf der Tribüne meinte beim Rausgehen: "War nix für schwache Nerven - aber besser als Tatort." Und das fasst diesen verrückten Fußballabend wohl am besten zusammen: zwei Teams, vier Tore, viele Emotionen - und ein Punkt, der beiden Hoffnung gibt, dass die Saison noch lange nicht entschieden ist. Denn eines ist sicher: Wer an der Ostsee so spielt, der sorgt weiter für warmes Herzklopfen, auch wenn’s draußen minus zwei Grad hat. 29.03.643987 14:17 |
Sprücheklopfer
Da sieht man die Kunst der Ärzte. Zu meiner Zeit wäre eine Amputation nötig gewesen.
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