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Das Flutlicht über dem Hordeler Stadion brannte hell, als am Freitagabend TuS Hordel und Hansa Rostock zum 18. Spieltag der 2. Liga aufliefen. 29.938 Zuschauer erlebten ein Spiel, das zunächst nach einem Debakel für die Hausherren aussah - und am Ende doch in eine jener Geschichten mündete, die man in Vereinsheimen noch Jahre später zwischen Bierdeckeln erzählt. Gerade vier Minuten waren gespielt, da demonstrierte Hansa Rostock, warum Trainer Marko Maniurka seine Mannschaft so unaufgeregt "balanciert" nennt. Ein simpler Aufbau über die linke Seite, ein präziser Pass von Linksverteidiger Benjamin Begin, und schon zappelte der Ball im Netz - Leo Grenier hatte eiskalt abgeschlossen. 0:1. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Grenier später, "aber der Ball hatte andere Pläne." Hordel, das laut Statistik ohnehin gerne auf lange Bälle setzt, wirkte in der Anfangsphase wie ein Team, das vergessen hatte, dass man Bälle auch kontrollieren darf. Rostock dominierte mit 55 Prozent Ballbesitz und schien sich in der Rolle des kühlen Nordlichts zu gefallen. In der 33. Minute folgte dann der nächste Schlag: Grenier bediente Claus Meister mustergültig, der im Strafraum aus halbrechter Position traf. 0:2 - und im Hordeler Fanblock war es kurz still genug, um das Rascheln der Stadionzeitung zu hören. "Ich habe in der Pause gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Würde", verriet Hordel-Trainerin Ute Finkeldy später schmunzelnd. Offenbar hatten ihre Worte Wirkung. Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, zeigte sich TuS Hordel von einer anderen Seite. 46. Minute: Rechtsverteidiger Detlev Foerster, der schon in der ersten Hälfte Gelb gesehen hatte, setzte sich beherzt auf der Außenbahn durch und flankte auf den erfahrenen Fjodor Koroljuk. Der 31-Jährige stieg hoch, wuchtete den Ball per Kopf ins Netz - 1:2. Und plötzlich war Leben in der Bude. Das Publikum roch Blut, Finkeldy gestikulierte wild an der Seitenlinie, und selbst der Stadionsprecher klang, als hätte er gerade einen Espresso zu viel erwischt. Doch dann, in der 57. Minute, der Rückschlag: Foerster sah nach einem taktischen Foul die Gelb-Rote Karte. Hordel zu zehnt. "Ich hab’ doch nur leicht gezupft", verteidigte sich der Übeltäter nach Abpfiff halbherzig, "aber der Schiri hat wohl einen empfindlichen Tag gehabt." Was folgte, war eine dieser paradoxen Phasen, in denen das dezimierte Team plötzlich besser spielt. Hordel rannte, kämpfte, biss. In der 66. Minute belohnte sich die Mannschaft: Der junge Olav Anders spielte einen Traumpass in die Nahtstelle der Rostocker Abwehr, Tim Pfeiffer blieb cool und schob zum 2:2 ein. Der Jubel war ohrenbetäubend - spätestens da war klar, dass das Ruhrgebiet Emotionen wie kein anderes Pflaster kann. Rostock, sichtlich irritiert, kam zwar nochmal zu Chancen - Michel Haswell prüfte Hordels Keeper Jacob Montgomery gleich mehrfach - doch der Torwart wuchs über sich hinaus. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, der Ball trifft mich", witzelte er später mit einem breiten Grinsen. Die Schlussphase war dann ein wilder Ritt: Pfeiffer scheiterte in der 88. Minute knapp, Rostocks Meister im Gegenzug in der Nachspielzeit - und als Schiedsrichter Reimann abpfiff, fühlte sich das 2:2 für beide Seiten irgendwie richtig an. Statistisch gesehen war es ein Duell auf Augenhöhe: 12 Torschüsse für Hordel, 11 für Rostock, Ballbesitz leicht zugunsten der Gäste, aber eine Tacklingquote von 51 Prozent für das Heimteam - Zahlen, die das Geschehen gut widerspiegeln. "Wir haben zwei Gesichter gezeigt", resümierte Finkeldy, "eins zum Vergessen und eins zum Stolzsein." Maniurka dagegen blieb norddeutsch trocken: "Ein Punkt ist ein Punkt. Und immerhin haben wir kein drittes Tor kassiert." So endete der Abend mit einem Ergebnis, das weder weh tat noch wirklich glücklich machte - wie ein lauwarmer Tee nach einem Marathonlauf. Doch für die Hordeler Fans war’s ein kleiner Sieg des Willens, des Herzens und der Trotzreaktion. Und als die Flutlichtstrahler erloschen und der letzte Fan sein Bier austrank, blieb das Gefühl, Zeuge eines Spiels gewesen zu sein, das mehr war als nur ein 2:2. Es war ein Stück ehrlicher Fußball - chaotisch, emotional, unperfekt. Oder, wie ein älterer Herr auf der Tribüne beim Rausgehen murmelte: "Das war nix für die Taktiktafel, aber gut fürs Herz." 24.08.643996 14:20 |
Sprücheklopfer
Zum Schluss mussten wir Markus Happe einen Kompass geben, damit er den Weg in die Kabine findet.
Rainer Calmund