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Ein Pokalabend, wie ihn nur der Fußball schreiben kann: 5500 Zuschauer froren sich am 6. Januar im Flutlicht des Fritz-Walter-Stadions die Finger wund - und wurden Zeugen eines Spiels, das eher nach griechischer Tragödie als nach Routineausscheidung roch. Am Ende stand es 2:3 nach Verlängerung, und der SV Rohrbach tanzte im Kreis, während Kaiserslauterns Trainerin Laura Hellström mit verschränkten Armen in die kalte Nacht blickte. Dabei hatte lange Zeit wenig darauf hingedeutet, dass die Gäste aus Rohrbach sich derart in den Vordergrund schießen würden - wobei "schießen" durchaus wörtlich zu nehmen ist. 31 Torschüsse, ein Rekord für die Annalen des Pokals, und nur drei Treffer - das sagt einiges über Effizienz und Geduld. "Wir hätten auch 6:2 gewinnen können", grinste Rohrbach-Coach Maik Kuntz nach dem Spiel, "aber wir wollten’s halt spannend machen." Die erste Halbzeit verlief torlos, aber nicht ereignislos. Rohrbachs junger Rechtsaußen Michael Maier ballerte in den ersten 15 Minuten so oft aufs Tor, dass der Ballnachschub knapp wurde. Kaiserslauterns Keeper Janis Jürgens wuchs dabei über sich hinaus. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", schnaufte er später. "Ich glaub, ich hab mehr Schüsse abgewehrt als Weihnachtsplätzchen gegessen." Trotz Rohrbachs Dauerdruck: Kaiserslautern hielt tapfer dagegen. Die Taktik von Hellström - offensiv, aber geordnet - brachte zwar wenig Ballbesitz (41,9 Prozent), aber eine kämpferische Aura, die das Publikum mitriss. Als Abwehrspieler David Heise in der 38. Minute gelb sah, brüllte ein Zuschauer aus Block 7: "Na endlich einer mit Farbe im Gesicht!" - der Rest lachte, Heise grinste, und der Schiedsrichter blieb stoisch. Nach der Pause änderte sich das Spielgeschehen kaum - bis Minute 66. Maier, der unermüdliche Youngster, traf endlich. Nach Vorlage von Linksverteidiger Volker Esser drosch er den Ball aus kurzer Distanz in die Maschen. "Ich hab gar nicht gesehen, dass er drin war", sagte Maier später. "Ich hab einfach weitergelaufen - aber alle schrien, also hab ich mitgeschrien." Kaiserslautern schien geschlagen, doch dann kam die 85. Minute: Rechtsverteidiger Ben Sauer flankte butterweich - ja, das darf man so schreiben - auf den 19-jährigen Agemar Henrique, der den Ball mit der Brust annahm und in die Ecke schob. 1:1, der Lauterer Anhang tobte. Nur drei Minuten später drehte sich das Stadion vollends in Ekstase, als Joker Hanns Witte nach Vorlage von Routinier Marco Hofmann das 2:1 erzielte. "Ich dachte, das Ding sei durch", murmelte Hellström später, "aber im Pokal ist nix durch, bis der Schiri den Ball mitnimmt." Wie recht sie hatte: In der 91. Minute - Nachspielzeit! - segelte eine Flanke von Rohrbachs rechter Seite in den Strafraum. Der junge Volker Esser, eben noch Vorlagengeber, köpfte den Ball selbst über die Linie. 2:2 - Verlängerung. Und die Lauterer Tragödie nahm ihren Lauf. In der 93. Minute flog Hofmann mit Gelb-Rot vom Platz - ein ungeschicktes Nachtreten, ein Moment der Müdigkeit. Zehn Lauterer stemmten sich gegen den drohenden K.o., doch die Kräfte schwanden. Als dann in der 110. Minute der 19-jährige Hanns Seidel ausgerechnet als Rechtsverteidiger den Siegtreffer erzielte - natürlich nach Pass des eingewechselten Markus Jaeger -, war das Spiel entschieden. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Seidel lachend zu, "aber wenn der Ball rein will, dann will er halt." Die letzten Minuten waren reine Symbolik: Lautern versuchte, mit langen Bällen noch einmal das Wunder zu erzwingen, doch Rohrbachs 17-jähriger Keeper Leon Lorenz pflückte alles weg, was kam. "Ich hab mich gefühlt wie beim Basketball", scherzte er. Trainerin Hellström nahm’s mit Fassung. "Die Jungs haben gekämpft. Dass wir in Unterzahl verlieren, ist bitter, aber ehrlich: Rohrbach war heute einfach gieriger." Maik Kuntz wiederum grinste breit: "Wir haben 31 Schüsse gebraucht, aber immerhin - keiner ins Netz vom Nachbarstadion." Als die Flutlichter erloschen, applaudierten die Fans beiden Teams. Kaiserslautern verabschiedete sich erhobenen Hauptes aus dem Pokal, Rohrbach träumt dagegen weiter vom großen Los in Runde zwei. Vielleicht gegen Bayern - oder gegen den Winter. Und während die letzten Zuschauer sich in den Schal kuschelten, hörte man einen Jungen auf der Tribüne sagen: "Papa, war das Verlängerung?" - "Ja, mein Sohn", antwortete der Vater, "und das war Pokal." 18.03.643987 00:19 |
Sprücheklopfer
Ein Trainer ist nicht ein Idiot. Ein Trainer sehen was passieren in Platz.
Giovanni Trappatoni