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Es war ein Abend, der eigentlich ganz nach dem Geschmack der 28.878 Zuschauer in der Marzahner Arena begann - und dann in ein kleines Fußballdrama mündete. Der FC Marzahn spielte sich in der ersten halben Stunde in einen Rausch, führte 2:0, hatte alles im Griff - und stand am Ende mit leeren Händen da. Dinamo Dresden, dieser unberechenbare Klub zwischen Genie und Wahnsinn, drehte die Partie trotz einer Roten Karte und gewann mit 3:2. "Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll", sagte Marzahns Trainer Frank Henning nach dem Schlusspfiff. "Wir haben 52 Prozent Ballbesitz, 14 Torschüsse, führen 2:0 - und dann so was. Das ist wie ein halber Albtraum auf Kunstrasen." Dabei fing alles an wie aus dem Lehrbuch: Schon in der 7. Minute setzte sich Caio Gome auf links durch, flankte scharf in die Mitte, und Shimon Naot drosch den Ball mit der Präzision eines Uhrwerks in die Maschen. Ein Tor, das den Marzahner Anhang früh in Feierlaune versetzte. Nur sechs Minuten später legte Sergi Bischoff nach - herrlich freigespielt von Patrick Moritz - 2:0! Dresden wirkte da bereits wie eine Mannschaft, die lieber wieder in den Bus steigen wollte. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn er nicht manchmal grausam ehrlich wäre. In der 19. Minute meldete sich Dinamo zurück: Helmut Hummel, Dresdens quirliger Linksaußen, zog aus 18 Metern einfach mal ab - und der Ball zappelte im Netz. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Hummel später und fügte an: "Aber wenn’s so reingeht, sag ich natürlich nix." Bis zur Pause blieb Marzahn zwar tonangebend, aber etwas zu verspielt. Statt den Sack zuzumachen, versuchte man sich an Hacke-Spitze-Feinfußspiel - sehr zur Freude der Dresdner Verteidiger. Dann kam die Szene, die das Spiel kippen sollte: Kurz nach Wiederanpfiff sah Dresdens Innenverteidiger Julius Buchholz glatt Rot nach einem rustikalen Einsteigen gegen Naot. "Der Ball war dazwischen", beteuerte Buchholz, während der Schiedsrichter bereits den Weg in die Kabine wies. Wer nun dachte, Marzahn würde den angeschlagenen Gegner endgültig zerpflücken, irrte gewaltig. In der 50. Minute konterte Dinamo in Unterzahl, Arne Mohr schickte Patrick Cloutier steil - und der 21-Jährige traf eiskalt zum 2:2. Die Marzahner Defensive stand in diesem Moment so offen wie ein Sonntagseingang beim Dorfbäcker. Trainer Henning tobte an der Seitenlinie, Schleuderkappe inklusive. Seine Antwort: mehr Offensive. Er brachte Michele Santoro ins Mittelfeld - und prompt verlor sein Team die Balance. Dresden witterte die Sensation. In der 62. Minute war es dann so weit: Hermann Sommer, der blutjunge Rechtsaußen, nutzte den Platz auf seiner Seite, zog nach innen und schlenzte den Ball ins lange Eck - 3:2 für Dresden! Der Pass kam von Fernando de Freitas, der danach jubelnd in Richtung Gästeblock rannte, als hätte er selbst getroffen. "Ich hab’ nur gedacht: Der Junge ist 20, der darf das!", lachte Gästetrainer Maikma Nauskas nach dem Spiel. "Und ehrlich gesagt, nach der Roten Karte hätte ich auch mit einem Punkt gelebt. Aber meine Jungs haben einfach weitergemacht." Marzahn versuchte alles - selbst der sonst so ruhige Torwart George Eliot sprintete bei Eckbällen nach vorne. Doch an diesem Abend blieb das Glück auf Dresdner Seite. Und als Thomas Leblanc in der 73. Minute ebenfalls Rot sah, war die Messe gelesen. Die letzten Minuten wurden zum Sinnbild des Spiels: Marzahn drückte, kombinierte, schoss aus allen Lagen - insgesamt 14 Mal - doch der Ball wollte nicht mehr rein. Dresdens Keeper Haim Tal, gerade mal 20 Jahre alt, wuchs über sich hinaus. "Ich hab einfach versucht, groß zu wirken", meinte er bescheiden. "Und vielleicht hatte ich auch ein bisschen Angst - das hilft manchmal." So endete ein wilder Fußballabend mit einem Ergebnis, das man kaum erklären kann, wenn man nur auf die Statistik schaut: Mehr Ballbesitz, mehr Chancen, mehr Frust auf Seiten der Gastgeber. Dresden dagegen nahm drei Punkte mit, die nach 20 Minuten kaum jemand für möglich gehalten hätte. "Das war ein Sieg des Wahnsinns", fasste Nauskas trocken zusammen. Henning hingegen blickte in die Ferne und murmelte: "Vielleicht sollten wir das nächste Mal erst ab der 20. Minute anfangen." Ein bisschen Tragikomödie, ein bisschen Lehrstück - und ein Beweis, dass Fußball manchmal keine Gerechtigkeit kennt. Nur Tore. Drei für Dresden. Zwei für Marzahn. Und jede Menge Gesprächsstoff für Montagmorgen. 16.03.643987 03:00 |
Sprücheklopfer
Wenn ich natürlich bei meinen Sechs-Minuten-Einsätzen bis zur Winterpause 30 Tore schieße, werde ich vielleicht nicht gehen dürfen.
Jan-Aage Fjörtoft