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Wer behauptet, ein 0:0 könne langweilig sein, war am Dienstagabend offensichtlich nicht im Essinger Stadion. 12.500 Zuschauer sahen beim Flutlichtspiel des 7. Spieltags der 2. Liga Deutschland ein torloses, aber keineswegs seelenloses Duell zwischen dem TSV Essingen und dem Hamburger SC. Es war ein Spiel voller Chancen, Eigensinn und Emotion - und mit einer roten Karte, die selbst die Stadionwurst kurzzeitig in die Luft gehen ließ. Von Beginn an brannte Essingen darauf, den Hanseaten zu zeigen, dass man auch im Süden Fußball spielen kann. Coach Philipp Wiedmann hatte seine Elf offensiv eingestellt - mit Avraham Aloni als ständig lauerndem Mittelstürmer, links flankiert von Salvador Nuno, der bereits in der 13. Minute den ersten Warnschuss Richtung Hamburger Tor abfeuerte. "Ich wollte eigentlich flanken, aber der Ball hatte andere Pläne", grinste Nuno nach dem Spiel. Die Hamburger, von Trainer Bernd Happel gewohnt nüchtern dirigiert, ließen sich zunächst tief fallen. Ihr Konzept: den Ball lieber dem Gegner überlassen, um dann auf Konter zu lauern. Das funktionierte theoretisch gut, praktisch aber weniger. Ganze drei Schüsse aufs Tor brachte der HSC zustande - der erste davon kurz vor der Pause, als Herman Carlsson aus 20 Metern abzog und Essingens Keeper Marcio Botin zu einer artistischen Parade zwang. Die Statistik sprach klar für die Gastgeber: 51 Prozent Ballbesitz, zehn Torschüsse und eine Zweikampfquote von beachtlichen 55 Prozent. Nur das Entscheidende fehlte - das Tor. Vor allem Aloni hatte in der 23. Minute die Führung auf dem Fuß, als er nach einem feinen Pass von Zigic frei vor dem jungen Hamburger Schlussmann Lionel Carvalho auftauchte. Doch Carvalho, gerade einmal 19 Jahre alt, blieb cool wie ein Eisschrank. Später kommentierte er trocken: "Ich hab mir einfach vorgestellt, es wäre ein Trainingsspiel. Da gehen die Dinger nie rein." Nach dem Seitenwechsel brachte Wiedmann frische Beine: Juanito Cuadrado ersetzte den angeschlagenen Nelson Coelho in der Innenverteidigung, später kam Damir Zigic für Christian Schön. Doch trotz aller Bemühungen blieb das Bild gleich: Essingen drückte, Hamburg hielt dicht. Predrag Jestrovic prüfte Carvalho mit einem wuchtigen Distanzschuss (51.), und Salvador Nuno scheiterte kurz darauf erneut (52.), diesmal hauchdünn am Pfosten vorbei. Auf der Gegenseite versuchte sich Philippe Gagnon in der 65. Minute an einem Kunstschuss, der eher nach Kunst als nach Schuss aussah - das Leder segelte in hohem Bogen über die Latte. Eine Minute später setzte Essingens Nuno wieder ein Zeichen: volle Wucht, volles Risiko, aber kein Erfolg. Ein Spiel wie ein Dauerlauf im Kreis - viel Bewegung, kein Ziel. Trainer Happel blieb ungerührt an der Seitenlinie stehen, nur die Hände tief in der Manteltasche vergraben. "Wir wollten kompakt stehen und haben das auch gemacht", meinte er später mit der Überzeugung eines Mannes, der 90 Minuten lang nichts anderes getan hat. In der 88. Minute wurde es dann doch noch hitzig. Hamburgs linker Verteidiger Tzipi Berkovic sah nach einem übermotivierten Tritt an der Außenlinie glatt Rot. "Ich wollte nur den Ball treffen - aber der Ball war schneller als gedacht", sagte Berkovic und verschwand mit einem peinlich berührten Lächeln in der Kabine. Der Rest war ein wilder Schlussspurt der Essinger, die in Überzahl alles nach vorne warfen. Zigic probierte es in der 83. Minute schon einmal, diesmal flog der Ball aber in die zweite Etage des Gästeblocks. Nach dem Abpfiff wirkte TSV-Coach Wiedmann hin- und hergerissen: "Wenn du so viele Chancen hast und nichts reinmachst, willst du am liebsten Flanken üben bis morgen früh", sagte er und zwinkerte. "Aber wenn du siehst, wie meine Jungs kämpfen, dann weißt du: Wir sind auf dem richtigen Weg." Die Fans sahen das ähnlich. Beim Abgang gab’s Applaus für Einsatz und Leidenschaft - zwei Tugenden, die an diesem Abend deutlich mehr glänzten als der Torabschluss. Und so blieb es beim 0:0, das sich anfühlte wie ein 2:2 ohne Treffer: spannend, chaotisch, irgendwie gerecht. Oder, wie ein älterer Herr auf der Tribüne es treffend formulierte: "Das war Fußball ohne Ergebnis, aber mit Seele." Vielleicht das schönste Kompliment für ein torloses Spektakel, das niemand so schnell vergessen wird. 29.03.643987 14:06 |
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Ich wechsle nur aus, wenn sich einer ein Bein bricht.
Werner Lorant