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Es war ein frostiger Januarabend in Rohrbach, doch 37.004 Zuschauer wärmten das Stadion mit Leidenschaft und Lungenkraft. Was sie sahen, war ein Fußballspiel, das anfangs wie eine Lehrstunde für die Hausherren wirkte - und am Ende wie eine Lektion für alle, die zu früh jubeln. Der SV Rohrbach schlug den 1. FC Eschborn mit 3:2, nachdem er zur Pause bereits 0:2 hinten gelegen hatte. Eschborn begann frech, mutig, mit langen Bällen und frühem Pressing - und vor allem mit einem William Kavanagh, der offenbar beschlossen hatte, an diesem Abend allein Geschichte zu schreiben. In der 13. Minute traf der irische Mittelstürmer nach Vorlage von Bernt Geier eiskalt ins rechte Eck. Rohrbachs Keeper Heinz Heise sah den Ball erst, als er schon im Netz lag. "Ich dachte, der fliegt vorbei", murmelte Heise später mit einem Gesichtsausdruck, als habe ihm jemand den Autoschlüssel geklaut. Und als Rohrbach sich langsam zu sortieren begann, schlug Kavanagh erneut zu. In der 33. Minute war er wieder da - diesmal ohne Assist, aber mit der Präzision eines Uhrwerks. 0:2, und Trainer Maik Kuntz trat so wütend gegen eine Wasserflasche, dass diese in hohem Bogen in die Coaching-Zone des Gegners flog. "Ich wollte nur testen, ob sie dicht ist", grinste er später. Zur Pause schien alles entschieden. Die Eschborner spielten mit Offensivgeist und ohne Skrupel, Rohrbach mit hängenden Köpfen und ausgeleierten Nerven. Doch dann kam die zweite Halbzeit - und mit ihr ein Spiel, das niemand so bestellt hatte. In der 55. Minute leitete Robert Ledig mit einem präzisen Pass den Anschlusstreffer durch Hermann Hoffmann ein. Der junge Mittelfeldmotor nahm den Ball mit der Brust an und drosch ihn aus 20 Metern ins Netz. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Hoffmann nach dem Spiel lachend. "Aber wenn der Ball drin ist, war’s natürlich Absicht." Rohrbach hatte Blut geleckt. Ledig, zur Pause eingewechselt, wurde zum Motor des Comebacks. Während Eschborns Trainer Yas Sin von der Seitenlinie aus versuchte, seine Mannen mit wilden Gesten wachzurütteln, rollte Angriff um Angriff auf das Tor von Ersatzkeeper Johann Rupp, der zur Halbzeit den jungen Alvarez ersetzt hatte. Die Minuten vergingen, die Spannung stieg. Dann, in der 84. Minute, belohnte sich Ledig selbst. Nach einer Ecke von Gerhard Noack stand er goldrichtig und versenkte den Ball per Dropkick. 2:2 - das Stadion bebte. "Ich hab’ den Ball einfach getroffen, und der Rest war Physik", grinste Ledig, der an diesem Abend wohl auch eine Vorlesung zur Psychologie des Aufbäumens hätte halten können. Doch die Märchenstunde war noch nicht vorbei. Nur zwei Minuten später, die Eschborner noch im kollektiven Schockzustand, kam der große Auftritt von Georg Lindner. Der Linksaußen zog von der Seite in den Strafraum, bekam den Ball von Georg Behrendt zugespielt und schob kühl ein. 86. Minute, 3:2, und die Welt in Rohrbach stand Kopf. Die letzten Minuten wurden zu einer Mischung aus Drama und Improvisationstheater. Eschborn warf alles nach vorne, inklusive der Verteidiger. Noah Becker kam noch in der 90. Minute, aber außer einer Gelben Karte für Bernt Geier (wohl Frustabbau pur) sprang nichts mehr heraus. Statistisch betrachtet war der Sieg verdient: 12 Torschüsse für Rohrbach, nur 3 für Eschborn; 53 Prozent Ballbesitz für die Hausherren, die in der zweiten Halbzeit plötzlich Fußball wie aus einem Guss spielten. Tacklingquote? 55 Prozent für Rohrbach - und mindestens doppelt so viel Herzblut. Nach dem Schlusspfiff sank Maik Kuntz auf die Knie, halb vor Freude, halb vor Erschöpfung. "Wenn man in der Halbzeit 0:2 hinten liegt und das noch dreht, dann darf man auch mal kurz religiös werden", sagte er später mit einem Augenzwinkern. Yas Sin hingegen stapfte wortlos in die Kabine. Ein Reporter rief ihm nach, was er von Kavanaghs Leistung halte. "Er hat zwei Tore gemacht", knurrte Sin, "aber leider für das falsche Ende des Spiels." So bleibt der SV Rohrbach nach diesem 3:2 nicht nur mit drei Punkten, sondern auch mit einer Geschichte, die man noch lange erzählen wird - am Stammtisch, im Vereinsheim und wahrscheinlich auch beim nächsten Training, wenn Trainer Kuntz wieder ruft: "Jungs, glaubt an euch - und an die zweite Halbzeit!" Und irgendwo im Publikum wird wohl noch jemand sitzen, der beim Stand von 0:2 gegangen ist. Der wird sich jetzt ärgern. Und zwar zu Recht. 19.04.643987 15:37 |
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Ich laufe in einer Stunde so viel wie andere Arbeitnehmer in acht.
Mario Basler